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Qualitätscontent: Pädophile und was man gegen sie tun kann
6Der Titel dieses Beitrages ist recht provokativ gewählt, aber angesichts des Machwerkes “Tatort Internet” bei RTL2 für das sich ausgerechnet die Ehefrau des Kriegsministers zu Guttenberg hergibt, sehe ich mich genötigt, heute doch einmal die Hintergründe aus psychologischer Sicht auszuleuchten…
Die Eingangsfrage ist wohl die am meisten gestellte Frage von Laien bezüglich der Thematik. Der Begriff der Pädophilie wird mit “Kinderschänder” automatisch gleichgesetzt, was einfach sachlich nicht richtig ist. Frau von und zu Guttenberg hat eine neue Form der modernen Hexenjagd losgetreten, die gewohnt RTL-niveaulos eine Hexenjagd auf Pädophile veranstaltet, damit die Zuschauer ihre projektive Genugtuung haben, dass “wieder so ein Schwein geschnappt” wurde…nur in dieser Hexenjagd liegt die Crux des Problems und ich behaupte, genau diese wird eher zu einer steigenden Zahl an Todesopfern führen als zu einer verringerten. Warum ich das denke? Dafür muss ich relativ weit ausholen. Alle Psychotherapeuten, Psychiater und Psychologen bitte weghören, ich versuche, es so einfach wie möglich zu erklären:
1. Der Begriff der “Kindheit”
Wie ich bereits in einem Eintrag zum sehr dünnen und brüchigen Eis der Geschehnisse während der Kinderladenbewegung kurz anriss, ist unser Kindheitsbegriff ein willkürlich gewählter. Somit basiert auch die Rechtslage zum Jugendschutz etc. auf ebendieser willkürlich gesetzten Grenze. Biologisch gesehen spricht ab dem Punkt der Geschlechtsreife, also mit der Menarche nichts gegen Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung. Aufgrund der geringen Lebenserwartung in früheren Zeiten war dies auch oft das Heiratsalter. Die Auferlegung einer “Minderjährigkeit” ist Produkt der Moderne mit ihrer Medizin und der daraus resultierenden massiv erhöhten Lebenserwartung.
Auch das homoerotische Verhältnis von Männern zu Knaben in der griechischen Antike war damals gesellschaftlich normal. Es begründet sogar die Form des Verhältnisses zwischen Erzieher und Edukanden, wenngleich die Komponente der platonischen Liebe heute in den Hintergrund getreten ist. Das “Gymnasium” kommt nunmal von “gymnos” = “nackt”.
Im englischen Mittelalter trug das Theater zur Feminisierung von Knaben bei, da es damals verboten war, Frauen als Schauspielerinnen einzusetzen und somit alle Frauenrollen von Knaben gespielt wurden. William Shakespeare beispielsweise beschreibt in seinen Sonetten auch die Liebe zu seinem “young boy”.
Aus rein biologischer Sicht ist also der Begriff “Pädophil” ein schwieriger, wenn nicht gerade Kleinkinder Objekt der Begierde sind.
2. Etwas Sexualpsychologie – Sex, Gender und Objektverschiebungen
Wer sich mit den tieferen Hintergründen der Objektverschiebungen und was so alles zum Sexualobjekt werden kann (mein Favorit: Die Objektsexualität. Eine Schwedin war rechtskräftig mit der Berliner Mauer verheiratet..), dem empfehle ich zum Einstieg: Fiedler, Peter: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung. Heterosexualität – Homosexualität – Transgenderismus und Paraphilien – sexueller Missbrauch – sexuelle Gewalt).
Im Knappen und für Laien erklärt: Das Objekt unserer Sexualität ist im Regelfall die erwachsene Person des anderen Geschlechts. Das ist keineswegs nur genetisch bedingt, sondern zum großen Teil auch Erziehung und Sozialisation. Aufgrund diverser Sozialisations- und Erziehungsbedingungen kann es zu Abweichungen dieser Objektwahl kommen. In der aktuellen Diskussion spricht man wegen des problematischen Normalitätsbegriffes innerhalb der sex-gender-Debatte von “Geschlechtsrolle” und von somit “geschlechtsrollenkonformem” und “nicht geschlechtsrollenkonformem” Verhalten. In diesen Bereich fällt eben auch die sexuelle Orientierung. Die “Geschlechtsrolle” oder eben das “gender” ist die gesellschaftliche Erwartung, die am biologischen Geschlecht, dem “sex” hängt. Die Gesellschaft erachtet es als normal, dass ein erwachsener Mann eine erwachsene Frau als Sexualobjekt nimmt und umgekehrt. Die bekannteste Form des nicht geschlechtsrollenkonformen Verhaltens wäre also die Homosexualität, die schon lange depathologisiert ist.
Je nach den herrschenden Lebensumständen des Kindes aber kann sich der Geschlechtstrieb auch auf völlig andere Objekte richten. Wie eben erwähnt also auch physische Objekte wie Gebäude oder Maschinen, auf Tiere, Pflanzen (speziell Bäume) usw. Eine Unterform dieser Objektverschiebung wäre der Objekt- oder Körperteilfetischismus, dessen Mechanismus hier aber erstmal aussenvor bleiben soll. Somit ist es auch möglich, dass der Sexualtrieb auf Kinder ausgerichtet wird oder bleibt:
3. Ursachen der Pädophilie
Auch hier bleibe ich knapp und verweise auf die entsprechende Fachliteratur zum tieferen Verständnis. Wieder einfach für Laien:
Es gibt in den gängigen Theorien zwei Hauptmöglichkeiten, eine Pädophilie zu entwickeln:
a ) Die Entwicklungsstörung
- Aufgrund mehr oder weniger traumatischer (oder anderweitig stark prägender) Erlebnisse wird die weiterentwicklung des Geschlechtstriebes schon bereits vor oder spätestens nach der Latenzphase gehemmt. Die sexuelle Objektwahl bleibt also auf kindlichem Niveau und sucht sich somit ein kindliches Objekt. Dies kann sowohl in hetero- wie auch homosexueller Variante geschehen und ist übrigens nicht nur auf Männer beschränkt! Knapp gesagt also ist der Patient gewissermaßen “sexuell zurückgeblieben”. Mit dieser Zurückgebliebenheit können auch weitere Aspekte einer “zurückgebliebenen” Persönlichkeitsstruktur auftreten, was häufig so ist, es müssen aber nicht zwingend solche vorliegen.
b) Die Regression
Als Regression bezeichnet man in der Psychoanalyse einen Rückfall einer weiterentwickelten Persönlichkeitsstruktur auf frühere, meist kindliche Muster. Diese Theorie der Pathogenese bezeichnet den Fall, dass eine Person mit ursprünglich altersgemäß entwickelter Objektwahl durch ein traumatisches Ereignis auf eine frühere Stufe zurückfällt. Eine traumatische Enttäuschnung also durch einen gleichaltrigen Sexualpartner die bei entsprechend strukturierter Persönlichkeit einen Rückzug zu kindlichen und somit nicht als bedrohlich empfundenen Objekten zur Folge hat.
Der Knackpunkt an diesen Begriffen ist die oben erwähnte Problematik, dass die Grenzziehung zwischen “Kind” und “Erwachsener” eine willkürliche ist. Insofern ist die Erziehung zum geschlechtsrollenkonformen Verhalten auch durch dieses Paradigma beeinflusst. Nicht aus rationaler Überlegung oder großer wissenschaftlicher Erkenntnis heraus, sondern weil dies eben so festgelegt wurde. Man beachte den Begriff “unSITTlich”…der von “Sitte” kommt…insofern sind auch die Grenzen zwischen “normalem” und “kranken” Verhalten nicht eindeutig zu ziehen…daraf begründen sich auch juristische Sonderregelungen, die unter bestimmten Umständen den sexuellen Kontakt zwischen einem Erwachsenen und einem Minderjährigen nicht unter Strafe stellen.
4. Pädophile vergewaltigen und töten kleine Kinder
Das ist so die landläufige Meinung zu Menschen mit dieser Sexualstörung. Auch da muss ich vehementest widersprechen. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Betroffenen hat komorbide Sexualstörungen, die dazu führen, dass die Betroffenen sich durch Gewalthandlungen am Opfer oder dessen Tötung sexuell erregen oder dadurch Befriedigung erlangen. Die Chance, dass ein Kind durch einen “Kinderschänder” getötet wird, ist ungefähr genauso groß wie die, dass eine erwachsene Frau von einem auf erwachsene Objekte ausgerichteten Triebtäter umgebracht wird.
Die Betroffenen lieben ja tatsächlich Kinder..mit allem was dazugehört. Insofern käme es dem “normalen” Pädophilen, also ohne weitere Komorbiditäten, gar nicht in den Sinn, dem geliebten Objekt etwas zuleide zu tun. Aber warum kommt es dann immer wieder zu Tötungen von Kindern durch Pädophile Täter?
Aufgrund der genannten gesellschaftlichen Situation stehen die Betroffenen (wie auch alle anderen Betroffenen nichtalltäglicher sexueller Neigungen) unter einem großen psychischen Druck. Sie haben das Bedürfnis, ihre Neigungen frei auszuleben, sind sich aber bewusst, dass sie sich damit Strafverfolgung und Stigmatisierung aussetzen. In leichten Fällen ist dieser Druck zu ertragen und die Betroffenen verschaffen sich alleine durch Masturbationsphantasien oder Objekte von Kindern (meist Kleidungsstücke) oder durch die Stimulation mittels Bildmaterial (was beileibe nicht immer Pornographisch sein muss…einem Pädophilen ohne Gewaltbezug im Sexualtrieb sind die oftmals in Kinderpornographie dargestellten Gewalthandlungen gegen Kinder genauso zuwider wie Menschen mit konformer Objektwahl) sexuelle Befriedigung. In manchen Fällen jedoch wird der Triebdruck so stark, dass er nicht länger unterdrückbar bleibt, weil die Masturbation nicht in vollem Maße zur Befriedigung führt. Dort kann es dann zu Übergriffen minderer Schweregrade, also unsittlichem Berühren etc. kommen.
Reicht auch dies nicht mehr aus, werden in den Phantasien die ersten Pläne geschmiedet. Um es kurz zu machen: Irgendwann wird aufgrund des Leidensdruckes die Phantasie in die Tat umgesetzt. Das betroffene Kind wird aber nicht aus Lust, sondern aus Angst vor Entdeckung getötet. Der Täter lässt den einzigen Zeugen verschwinden. Oftmals bringen sich die Täter damit selbst in schwere psychische Konflikte, da sie zu ihrer eigenen Sicherheit das geliebte Objekt töten müssen….
Wie bereits erwähnt, liegt in den meisten Fällen eben keine sexuell besetzte Tötungsphantasie in den Betroffenen vor.
5. Warum mehr Tote durch “Tatort Internet” ?
Wie erwähnt töten die Täter die Kinder meist nicht aus Lust, sondern nur um die Spuren zu verwischen. Eine Sendung, die eine derartige Hexenjagd veranstaltet und das Bild des wahnsinnigen perversen Kinderschänders noch weiter in der Öffentlichkeit schürt, erhöht auch den psychischen Druck auf die Betroffenen. Insofern halte ich es knapp gesagt für möglich, dass es nach Übergriffen durch diesen erhöhten öffentlichen Druck eher noch zu mehr “Angsttötungen”, wie ich sie mal bezeichnen möchte, kommen könnte. Auch eine erhöhung der Suizidrate bei Pädophilen halte ich für denkbar, da sie durch diese Sendungen ihre eigene “Abartigkeit” noch mehr vor Augen geführt bekommen…
6. Was kann man denn nun gegen Pädophile tun?
Diese Frage wird oft gestellt und meistens populistisch mit “einsperren” beantwortet. Aus oben genannten Gründen halte ich dies allerdings für absolut katastrophal. Um die Differenzierung vorher klarzumachen: Ich spreche nun nicht von Betroffenen, die noch zusätzlich mit sadistischen Neigungen komorbide sind und aus Gewalt- und Tötungshandlungen Lust ziehen würden. Das fällt für mich in den “ganz normalen” Bereich des Triebtäters und diese sind natürlich zum Schutze der Öffentlichkeit entsprechend unterzubringen, bis die Symptomatik entsprechend therapiert ist und von ihnen keine Gefahr mehr für die Gesellschaft ausgeht. Aber auch diese potenziellen oder bereits straffällig gewordenen Täter sind als Patienten, nicht als Verbrecher zu behandeln…aus oben genannten Gründen halte ich alle Sexualstraftäter, die an schwereren Störungen leiden, für zumindest vermindert schuldfähig..aber das will ich nun hier nicht näher ausführen.
Mir geht es hier um den großen Teil völlig harmloser Pädophiler und da muss die Frage gestellt werden: MUSS man denn überhaupt was GEGEN diese tun? Meine These ist die, dass man zur Prävention von Straf- und Gewalttaten eher etwas FÜR die Pädophilen tun muss.
Die Berliner Charité macht es vor: Mittels der Aktion “Kein Täter werden” bietet die Charité kostenlose Beratung und Therapie für pädophile Männer, die sich freiwillig “outen”. Bei dieser Aktion handelt es sich um zwei Forschungsprojekte:
1. Das Projekt “Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld”
“Im Rahmen des Forschungsprojekts “Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld” finden seit Juni 2005 Männer, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien haben, aber keine Übergriffe begehen wollen therapeutische Unterstützung.”
2. Das Projekt “Prävention von Kinderpornografiekonsum im Dunkelfeld”
“Im Rahmen des Forschungsprojekts “Prävention von Kinderpornografiekonsum im Dunkelfeld” bietet das Institut für Sexualmedizin der Charité Beratung und Therapie für Männer mit auf Kinder gerichteten sexuellen Fantasien, die befürchten, zukünftig Kinderpornografie zu nutzen oder die einen solchen Nutzen einstellen wollen.”
Ähnliche Forschungsprojekte oder Sprechstundenangebote gibt es auch an anderen Universitätskliniken und therapeutischen Einrichtungen in ganz Deutschland. Beispielsweise in Greifswald, in Frankfurt am Main, in Regensburg etc. Im Prinzip kann das jede gut sortierte sexualmedizinische Ambulanz.
7. Mein Fazit für die Prävention sexuell motivierter Straftaten gegen Kinder
Der richtige Weg wäre für mich also folgender:
- Deutlich mehr Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Aufklärung über Sexualstörungen, insbesondere Pädophilie. Die Betroffenen dürfen sich nicht länger als “Aussätzige” fühlen, sondern müssen wissen, dass ein freiwilliges “Outing” keine gesellschaftlichen, beruflichen oder andere Konsequenzen hat. Der richtige Weg wäre, dass ein Patient genauso selbstverständlich mit den Worten “Ich bin pädophil.” in eine Ambulanz gehen kann, wie mit dem Satz “Ich habe Durchfall.” oder “Ich bin depressiv.”
- Die Etablierung entsprechender Ambulanzen, auch anonym, um die Signalwirkung zu verstärken, dass auch Pädophlie aus therapeutischer Sicht nur eine von vielen Störungen ist und genauso ernstgenommen und behandelt wird, wie eine Depression, eine Angststörung etc.
- VERNÜNFTIGE Dokumentation entsprechender Projekte durch seriöse Medien, anstatt Brot und Spiele im Sinne von “Tatort Internet” bei journalistischen Rohrkrepieren wie RTL noch dazu mit völlig fachfremden Aktionisten wie Frau von und zu Guttenberg, die sich in meinen Augen damit nicht als Kinderschützerin profiliert, sondern eher massive Einbussen ihres Images damit erzeugt, sich und ihren guten Namen für ein derart undifferenziertes, reisserisches Machwerk herzugeben
- Weg mit den wirkungslosen Internetsperren, die teurer Unfug sind und nur Zeugnis informationstechnischer Inkompetenz der Regierung. Stattdessen sollte das Geld viel mehr in internationale Polizeiarbeit gesteckt werden. Es geht ja nicht primär um die Konsumenten. Die bekommen das Zeug ja doch immer wieder. Was nützt mir ein DNS-Filter, wenn ich über eMule, Limewire etc. mit de entsprechenden Suchgbegriffen doch innerhalb von Sekunden an harte Kinderpornographie komme…Es geht primär um die Produzenten von harter Kinderpornographie, die oftmals selbst gar keine pädophilen Neigungen haben, sondern sich nur an den Betroffenen bereichern und die Kinder für ihren Profit instrumentalisieren. Dafür müssen internationale Rechtsgrundlagen geschaffen werden, die es im Moment jedoch nirgendwo gibt.
So, bis dahin erstmal mein Senf dazu…sorry…wenn ich die Guttenberg sehe, bekomme ich einen akuten Hals…
cd
Qualitätscontent: Grundlagenwerke zur Psychoanalyse
1So, da ich im Moment wieder eine Liste für Seminarliteratur zusammenstelle, heute mal wieder etwas ernstgemeinter Content, und zwar einige sehr empfehlenswerte Werke für Anfänger in der Pschoanalyse:
1. J. Laplanche / J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1973
Für Anfänger in der Materie ein unverzichtbares Werk, das auch sehr günstig zu haben ist. Mit vielen Literaturverweisen erklärt “Der Laplanche-Pontalis” alle wichtigen Begriffe der Psychoanalyse von “Abarbeitungsmechanismen” bis “Zwangsneurose”.
2. Freud, Sigmund: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, aus “Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, Erstveröffentlichung London (Imago Publishing Co.) 1940, mittlerweile ist Freuds Gesamtwerk im Projekt Gutenberg kostenlos als Download oder gegen geringe Gebühr als CD-ROM erhältlich
In diesem Werk erklärt Freud sein Strukturmodell der menschlichen Psyche aus ICH, ES und Über-ICH
3. Kohut, Heinz: Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1976
Kohut entwickelte die ICH-Psychologie Sigmund Freuds weiter, prägte den Begriff des “Selbst” und begründete darauf seine eigene Richtung der Selbstpsychologie inklusive einer Weiterentwicklung von Freuds Narzißmustheorie.
4. Kohut, Heinz: Die Heilung des Selbst, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 9. Aufl. 1981
In diesem Werk arbeitet Kohut seine Selbstpsychologie weiter aus und erklärt ihre Zusammenhänge.
5. Kernberg, Otto F.: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1983
Objekttheoretiker Otto F. Kernberg erklärt hier seine Weiterentwicklung der Narzißmustheorie und die Überarbeitung des Konzeptes der Borderline-Störung. Da Kernberg die letztere als Kontinuum sieht, verwendet er den Plural.
6. Kernberg, Otto F.: Objektbeziehungen und Praxis der Psychoanalyse, Klett-Cotta 6. Aufl. 1992
In diesem Werk breitet Kernberg seine Theorie der Objektbeziehungen nochmals etwas weiter aus und bezieht sie auf ihre praktische Umsetzung
Zwar war Goffman kein Psychoanalytiker, sondern Soziologe, doch zähle ich dieses Werk zu den unverzichtbaren Grundlagenwerken für die Psychoanalyse, da Goffman sich hier mit dem Begriff des Stigmas und dem Selbsterleben psychisch Kranker als “beschämende Andersartigkeit” auseinandersetzt.
An dieser Stelle ist Stavros Mentzos als weiterer großer Denker der Psychoanalyse einzuführen. Auch er entwickelte den Neurosenbegriff, den Narzissmusbegrif und andere Theorien Freuds weiter. In diesem Werk gibt er eine sehr gute Einführung zu neurotischen Mustern, die aber erst nach der Lektüre der vorherigen Werke gelesen werden sollte, da Mentzos teilweise seine eigene, weiterentwickelte Begrifflichkeit verwendet, die sich teilweise ein großes Stück von den ursprünglichen Begrifssbedeutungen der Freudianischen Psychoanalyse unterscheidet.
In diesem Werk arbeitet Mentzos seine Theorien weiter aus und benutzt das sehr anschauliche “Bankkontenmodell” und das Modell der “narzisstischen Homöostase”, welche beide durch ihre graphische Darstellung sehr einleuchtend sind.
Weiterführendes:
1. Adler, Alfred: Menschenkenntnis, Frankfurt a.M. (Fischer) 1966
Der “ehemalige Psychoanalytiker Alfred Adler”, wie Freud ihn nach dem Bruch mit ihm bezeichnete spaltete sich im Streit von Freuds Mittwochsgesellschaft ab und suchte einen eigenen Weg in die Psychoanalyse. In diesem Werk erklärt er sein Verständnis der Zusammenhänge der menschlichen Psyche.
2. Adler, Alfred: Neurosen. Fallgeaschichten, Frankfurt a.M. (Fischer) 1981
Wer sich in Adlers Theorien weiter hineinlesen möchte, findet hier ein leicht zu lesendes Werk, das einige seiner interessantesten Fälle vorstellt.
Menschen, die sich fragen, warum die 68er-Bewegung und alt-68er die klassische Psychoanalyse als Kontrollmechanismus des Establishments ablehnen bis hassen, findet hier den historischen Abriss der Hintergründe und den Versuch einer Versöhnung mit den marxistischen Idealen.
Für Streber:
Lacan, Jacques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, in: Schriften Bd. I, Berlin (Quadriga) 4. Aufl. 1991
Der härteste Stoff, den die Psychoanalyse zu bieten hat: Jacques Lacan. Genial, aber selbst derartig narzisstisch, dass seine Texte durch seine geliebten Wortspielereien fast unlesbar sind, wenn man nicht über ein fundiertes Wissen psychoanalytischer Zusammenhänge verfügt. Absoluter Irrsinn für Menschen, die kein Leben haben. Wem das nicht reicht und über die nötigen Französischkenntnisse verfügt (der fürchterliche Schreibstil ist der Grund, warum sein Werk bis heute nicht vollständig übersetzt ist): Le “je” n’est pas le “moi”. Viel Spaß beim Grübeln
Die Liste ist als Einführung gedacht, darum tauchen Jung, Anna Freud, Mitscherlich, Horney etc. nicht auf…die wird der geneigte Leser sich dann selbst erschließen..
cd
Fanpost – Zu Sinn und Funktion der Verschwörungstheorie
1Zwischenzeitlich gerät man auch an gemäßigte Vertreter der Verschwörungstheorie. Ich hatte heute einen Mailwechsel mit einem etwas prominenteren Mann der Szene, der mir das Veröffentlichen genehmigte, solange anonym bleiben darf. Dem komme ich hier nach, weil ich in meiner Antwort recht knapp mein Verhältnis zu Verschwörungstheorien zusammenfasse…
Wer differenziert fragt, bekommt eine differenzierte Antwort: (weiterlesen …)
Alice Miller ist tot
3Die Kindheitsforscherin Alice Miller ist gestorben, wie ich gerade im Bestatterweblog lese. Laut der Tagesschau schon am 14. April. Bekannt wurde sie durch ihre vehemente Abgrenzung zur klassischen Psychoanalyse, die Bücher “Das Drama des begabten Kindes” und “Am Anfang war Erziehung”
Bis kurz vor ihrem Tod beantwortete sie Leserfragen auf ihrer eigenen Homepage. Ihr allerletzter Blogeintrag nur neun Tage vor ihrem Tod lautete:
AM: Es ist mir leider nicht mehr möglich, meine Tätigkeit auf dieser Seite fortzuzetzen. Durch einen starken Muskelverlust, der zur großen körperlichen Schwäche geführt hat, sehe ich mich gezwungen, diese Tätigkeit aufzugeben. Ich danke allen Autoren der Beitrge zu dieser Seite, die mit ihren Briefen bezeugt haben, wie Kinder noch in der heutigen Zeit von ihren Eltern behandelt werden. Diese Texte werden auch nach meinem Tode auf der Seite unter meinem copiright erhalten bleiben.
Danke
cd
Pubertätsprobleme
2Ein blindes Huhn fliegt auch mal vor ein Getreidesilo…
So ist es heute beim Schulspiegel…ein sehr gutes Interview mit dem Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann.
Der Todestrieb des Therapeuten
7Bei “Thank you so much for reading” lese ich heute Morgen folgenden Eintrag:
meine psychologin versucht mit immer neuen attacken mich mit einer sehr geringen lebenserwartung zu schockieren und ist enttäuscht, wenn ich dennoch gelassen bleibe.
ich glaube ich spreche sie beim nächsten termin mal darauf an, ob das voyeurismus ist.
Lieber Capitano Zanahoria,
das ist keineswegs Voyeurismus, sondern der Selbsterhaltungstrieb des Therapeuten. Manchmal ist bei chronisch depressiven Patienten die Sitzung so schnarchlangweilig, dass man den eigenen Selbstmord nur durch den Gedanken, dass der Patient sich bald umbringt, verhindern kann. Zum tieferen Verständnis verweise ich auf Otto F. Kernberg und die Neolutheraner Klaus Schlagmann.
cd
Selbstbeweihräucherung 3
3Das Kind ist endlich geboren…
Endlich ist die Borderline-Fallstudie abgeschlossen und publiziert. Zeit also für eine weitere schamlose Eigenwerbung. Da aber das Wort Bildungsarmut in aller Munde ist, schauen wir mal, wie gut wir auf den Zug des Zeitgeistes aufspringen konnten…
Der Arbeitstitel ändert sich vielleicht noch bis zum endgültigen Druck, aber das Buch ist angekündigt.
Droßmann, Christian: Genese einer Borderline-Persönlichkeit – Die Folgen früher Ablehnungserfahrungen am Beispiel “Sonja”. (Arbeitstitel), in: Breyvogel, Wilfried (Hrsg.): Wie aus Kindern Risikoschüler werden. Fallstudien zu den Ursachen von Bildungsarmut, Frankfurt (Brandes & Apsel) 2010 (erscheint im März 2010)
cd
Fanpost 1
2Ich freue mich ja doch sehr, wenn jemand tatsächlich mein wirres Zeug hier im Blog liest. Manchmal bekomme ich sogar Anerkennung in Form eines Leserbriefes. In dieser Rubrik also nun sporadisch einige Beispiele.
Ich hatte vor längerer Zeit einmal einen kurzen Kommentar zur Webseite www.oedipus-online.de geschrieben. Am 9. Januar erreicht mich eine Mail von Klaus Schlagmann, dem Urheber der Seite höchstpersönlich:
Hallo,
habe durch Ihre detaillierte Analyse meines Falles viel über mich gelernt, so von wegen “Gegenübertragung nicht im Griff”. Wo haben Sie es gelernt, komplexe Inhalte so präzise auf den Punkt zu bringen? Ich beneide Ihre Schüler (sofern man Sie tatsächlich auf solche losgelassen hat), dass sie Ihren profunden Welterklärungen teilhaftig werden dürfen!
Sie werden mir erlauben, Ihren differenzierten Standpunkt auf meiner Webseite zu zitieren und zu kommentieren.
MfG – Klaus Schlagmann
Erst hatte ich völlig vergessen, um wen es sich handelte, aber nach einer kurzen Google-Recherche erinnerte ich mich recht schnell…ich hatte sofort zurückgeschrieben, aber eine weitere Reaktion blieb bisher aus…schade eigentlich, das hätte ein schönes Sparring werden können…
cd
Austherapiert
2So, die Tagung der Arbeitsgemeinschaft Lerntherapeuten in Georgsmarienhütte ist rum. Die Tagungsstätte Haus Ohrbeck ist wirklich schön gelegen und empfehlenswert, Zimmer und Verpflegung sind gut und ich habe dort eine ganze Menge Vorurteile gegen Lerntherapeuten beerdigen müssen..
Hat Spaß gemacht, dort vorzutragen. Punktlandung mit der letzten Folie um 17.15, Ritterschlag von Edith-Maria Soremba, und nun die dort eingefangene Grippe auskurieren…Ohrbeck ist rauchfrei und ich war nachts natürlich zu faul, meine Jacke vom Zimmer zu holen um draußen zu rauchen…
Folien zum Themenkomplex Narzissmustheorie, Borderline, Amok etc. gibt es für Interessierte im Downloadbereich.
cd
Drogen, Amok, Paranoia
5Sehr schön…die Opfer von Winnenden sind noch nicht richtig kalt, schon beginnt neben der zu erwartenden Hexenjagd auf „Killerspiele“ nach dem Bekanntwerden der psychiatrischen Vorgeschichte von Tim K. auch das Schmieden von Verschwörungstheorien Hand in Hand mit den üblichen Argumenten der Psychoanalyse- und Psychiatriefeindlichen Lagern.
Über eine besondere Stilblüte dessen stolperte ich gerade im Seitenhiebe-Blog (welches übrigens umgezogen ist), unter dem Eintrag „Drogen und Amoklauf“.
Dort wird auf das eigens zum Amoklauf von Winnenden eingerichtete Blog „Antidepressiva und Amokläufe“ verwiesen. Dessen zweiter Eintrag ist dermaßen plakativ, reißerisch und vor allem seminparanoid verfasst, dass ich diesem doch ein wenig mehr Aufmerksamkeit widmen möchte.
Schauen wir uns die Argumentation des Autors einmal an:
„Es sind Hunderte von Fällen bekannt, bei denen Menschen, die die „neue“ Generation von Antidepressiva einnahmen, anschließend Selbstmord begingen, teilweise vor Kindern oder Angehörigen oder Mitmenschen töteten – ohne irgendeine Emotion dabei zu zeigen.“
Da würde ich doch gerne wissen, wo diese „hunderte von Fällen“ dokumentiert sind und inwieweit die Einnahme von Antidepressiva tatsächlich mit der angeblich resultierenden Tag zusammenhängt.
1. Zeitliches Aufeinanderfolgen zweier Ereignisse sind kein Beweis für Kausalität
2. Es ist richtig, dass in einigen Fällen die Gabe von Antidepressiva zum Suizid führen kann. Das liegt an dem Umstand, dass bei vielen Präparaten (Citalopram, etc.) die Antriebssteigernde Wirkung viel früher einsetzt, als die Stimmungsaufhellende. Dies führt leider zu dem manchmal auftretenden Phänomen, dass die betroffenen Patienten gerade soviel Energie aufwenden können, um zu suizidieren.
Dass Tim K. „gefühls- und anteilnahmslos Menschen umgebracht“ haben soll, kann ich so nicht unterstützen…Hass und Wut sind unpopuläre, aber sehr reale Gefühle…ein Patient, der an tatsächlicher klinischer Gefühlsleere leidet, würde bei entsprechender Struktur aus rationaler Überlegung töten, aber Rache käme in ihm nicht vor…
Es ist im vorliegenden Fall eher davon auszugehen, dass es sich nicht um die Wirkung „gefühllos machender“ Psychopharmaka sondern eher um eine sehr reale Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid des verhassten Objektes handelte, mit ein Kerncharakteristikum für eine pathologische Persönlichkeitsstruktur, wie wir sie auch bei Serientätern finden.
Die Quelle „olwazt.de – Amoklauf durch Psychopharmaka“, die zitiert wird, wirkt ähnlich plakativ und wenig wissenschaftlich fundiert…
Als weiteren Beleg liefert der Autor eine Dokumentation des ZDF-Magazins „Frontal 21“..Ich bin nicht dazu gekommen, das verlinkte 45 Minuten lange Video komplett zu sichten…aber ich habe es ausschnittweise gesehen und würde, im Kontext mir bekannter anderer Berichte des gleichen Magazins zu ähnlichen Themen, mal die gleiche „Qualität“ der Recherche …also nahezu keine unterstellen…dass das Sendeformat „Frontal 21“, auch wenn es von einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt stammt, nicht „Mainstream“ sei, wage ich auch zu bezweifeln…
Der Autor verlinkt die Seite „ZDF.de – Das Pharma-Kartell“:
Erwartungsgemäß reißerisch gibt sich auch diese -eigentlich traurig zu wissen, dass es sich um das ZDF und nicht um RTL oder SAT1 handelt – …u.a. heißt es dort:
„Pharmaunternehmen können in Deutschland nach Einschätzung verschiedener Experten fast ungestört ihre Profitinteressen verfolgen. Das geht zu Lasten der Patienten, wenn dabei Nebenwirkungen verschwiegen, Selbsthilfegruppen instrumentalisiert oder Politiker, Ärzte und Heilberufe mit Gefälligkeiten umworben werden. Christian Esser und Astrid Randerath decken in der Frontal21-Dokumentation “Das Pharma-Kartell” auf, wie dieses System funktioniert.“
Die Pharmaindustrie wende „sehr perfide“ Methoden an…“Wichtigstes Ziel ist dabei offenbar immer, Medikamente gewinnbringend zu verkaufen. Auch fragwürdige Mittel werden nach Ansicht von Kritikern in den Markt gedrückt, eine Gefährdung der Patienten in Kauf genommen.“
Ach…ich dachte, Medikamentenhersteller seinen direkte Tochtergesellschaften der Heilsarmee…NATÜRLICH ist es wichtigstes Ziel, Medikamente gewinnbringend zu verkaufen…darum ist es ja auch eine INDUSTRIE…aus betriebswirtschaftlich geführten Unternehmen….
Was „fragwürdige Mittel“ sind, wird auf der Seite nicht weiter erwähnt…was aber die „Gefährdung der Patienten“ angeht, muss man eine Sache klarstellen:
Wolf-Dieter Ludwig sagt in dem Bericht ganz richtig, dass der Glaube, zugelassene Medikamente seien sicher, ein „Irrglaube“ ist…es wird ausser acht gelassen, dass selbst der Inbegriff der Harmlosigkeit von Medikamenten, die allseits beliebte Kopfschmerztablette Aspirin mit Ihrem Wirkstoff Acetylsalicylsäure bereits in normaler therapeutischer Dosierung unter bestimmten Umständen bereits bei der ersten Einnahme zu einem doch recht spektakulären und qualvollen Tod führen kann…aber das ist niemandem wirklich gewahr…obwohl es lang und breit im Waschzettel steht…Tod durch Suizid ist also „Schuld der Pharmaindustrie“, die „gefährliche“ Medikamente produziert, die Todesfälle durch Alltagsselbstmedikation mit ASS, Paracetamol, Ibuprofen usw. sind dann wohl „Schicksal“…hmm…
Der Begriff „Wiederaufnahmehemmer“ ist schlichtweg falsch, SSRI sind SEROTONINwiederaufnahmehemmer…an sich ein vernachlässigbarer Fehler, aber er zeigt mir doch, wie viel journalistische Akribie und wie viel Fachwissen in diesem Beitrag steckt
Sicher können diese zu den beispielhaft am Falle Monika Kranz dargestellten Symptomen führen, wie ich es schon eingangs erwähnte…es wird aus dem Bericht aber nur eine Zeitliche Abfolge ersichtlich…wichtig zu wissen wäre aber, unter welchen Umständen es zum Suizid kam…die SSRI-Gruppe hat nämlich den unangenehmen Nachteil, dass schlagartiges Absetzen -entgegen der Warnungen in den Packungsbeilagen- ebenfalls neben anderen Symptomen zu akuten suizidalen Krisen führen kann, ein Effekt, der lange als „SSRI Discontinuation Syndrome“ (SSRI Absetzsyndrom) bekannt ist und weswegen SSRI „ausgeschlichen“, die Dosis also schrittweise runtergefahren wird…
Tierfergehende Informationen vgl. Schweizerische Ärztezeitung: Entzugssymptome der modernen Antidepressiva , Tagungsfolien der Schweizerischen Gesellschaft für innere Medizin ,
auch kann es zu einem sogenannten „Rebound“ kommen, dem vollständigen oder sogar verstärkten Auftreten aller Symptome, wegen derer die Medikation verordnet wurde…
Es muss also die Frage gestellt werden, ob Tim K. während der Tat tatsächlich „ruhiggestellt“ war, oder der „Amoklauf“ nach dem -eventuell schlagartigen- Absetzen der Medikation erfolgte…gerade bei non-compliance Patienten wird immer wieder ein spontaner Verzicht auf die Medikamente bei temporärer Besserung der Symptomatik beobachtet.
All dies trifft auch auf den Wirkstoff Sertralin des erwähnten Medikamentes „Zoloft“ zu…
Der -ebenfalls im genannten Blog verlinkte- Beitrag „Kretschmer Withdrawing from Drepression Treatment“ stützt meine These. Zwar ist die Argumentation auch hier fragwürdig, der Autor schließt aus der Tatsache, dass Kretschmer eine verordnete ambulante Therapie nie antrat, dass er auch die Medikamente abgesetzt haben muss, was nicht notwendig kausal folgt, aber für mich würde es das Verhalten bei der Tat erklären…
Ich bin gespannt auf den offiziellen Bericht, dieser wird in letzter Instanz klären, ob Tim K. zur Tatzeit „ruhiggestellt“ war….ich würde mindestens eine Kiste Bier wetten, dass der Bericht genau so sauber ist, wie bei der Tilidin-Ente bezüglich Robert Steinhäuser und tendiere eher wie schon gesagt zu der Meinung, dass die beschriebene Teilnahmslosigkeit symptomatisch war…
Dass man Selbsthilfegruppen kaufen kann, ist auch ein alter Hut…das gilt nicht nur für solche, die im Kontext von Medikation agieren, sondern für so ziemlich jede andere Gruppe auch…also kein Argument gegen die Pharmaindustrie im Speziellen…
In der Linkliste findet man außer Links auf ähnlich polemischem Niveau keinerlei neutrale oder psychiatriefreundliche Links…eigentlich schade…
Der Autor schließt mit den Sätzen:
„Es liegt nun am Internet, diese Infos zu verbreiten. Die neue Generation der Antidepressiva ist maßgeblich für Zehntausende Morde und Suizide verantwortlich und wenn man nicht dagegen vorgeht, ist ein nächster derart brutaler Amoklauf nur eine Frage der Zeit.“
Wie gesagt…diese „Maßgeblichkeit“ hätte ich gerne näher belegt…ein halbseidener ZDF-Bericht und fragwürdige Blogquellen sind mir da doch zu dünn…
EDIT: Ich stoße gerade noch auf einen weiteren interessanten Blogeintrag zum Thema:
Das Infowars-Blog schrieb schon 2008 nach dem Vorfall an der Northern Illinois University einen Beitrag unter dem Titel „Psychodrogen und Waffenverbot ermöglichen weiteren Amoklauf“ Dort heißt es u.a.: „Laut dem Chicago Tribune glauben Erittler dass Cho Seung Hui, der Amokschütze an der Virginia Tech, vor seiner Tat im April Antidepressiva konsumiert hatte. Die Columbine-Mörder Eric Harris und Dylan Klebold, sowie der 15-jährige Kip Kinkel der in Oregon seine Eltern und seine Klassenkameraden niedergeschossen hatte, waren alle auf Psychopharmaka. Jeff Weise, der Killer an der Red Lake High School, war auf Prozac. “Unabomber” Ted Kaczinski, Michael McDermott, John Hinckley, Jr., Byran Uyesugi, Mark David Chapman und Charles Carl Roberts IV, der Mörder an einer Schule der Amish, waren alle auf Psychopharmaka vom Typ “Selektiver Serotoninwiederaufnahmehemmer” (SSRI). Die Presse versucht die Tatsache zu verschleiern dass Kazmierczak sich unter dem Einfluss der gleichen Medikamente befunden hatte, indem darauf verwiesen wird dass er zum Tatzeitpunkt seine Medikamente abgesetzt hatte.“
Besonders der letzte Satz lässt mich auch in diesem Fall denken, dass es sich keineswegs um Verschleierung durch die Presse handelte, sondern wir es auch in diesem Fall mit einem Gewaltakt als Symptom eines akuten Absetzsyndroms zu tun haben könnten…
Meine These bleibt also: Nicht die Warnungen vor Psychopharmaka müssen lauter werden, sondern die Warnungen davor, dass diese keine Smarties sind und man diese tunlichst nicht eigenmächtig von heute auf morgen absetzen sollte, hat man sich einmal entschieden, sie zu nehmen…
cd














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