Ein Lehrer bloggt über: Amok – Schule – Bildung – Pädagogik – Psychologie – Gewalt
Beiträge getaggt mit Psychiatrie
Noch einer für die Homöopathen
06. Jul
Die klinische Psychiatrie befasst sich ja bekanntermaßen mit Krankheiten. Krankheiten erkennt der Laie daran, dass ein Wort auf “-pathie” endet. Dies führt uns zu den drei interessantesten Gruppen der Psychiatrie:
1. Soziopathen
2. Psychopathen
3. Homöopathen
Oder um es mit KidMed auszudrücken:
Bereits während der Verreibung notieren Homöopathen Dinge, die selbst Jim Morrison unter Einfluß von Mescalin nicht hätte texten können
Wo er Recht hat…
cd
Qualitätscontent: Grundlagenwerke zur Psychoanalyse
20. Jun
So, da ich im Moment wieder eine Liste für Seminarliteratur zusammenstelle, heute mal wieder etwas ernstgemeinter Content, und zwar einige sehr empfehlenswerte Werke für Anfänger in der Pschoanalyse:
1. J. Laplanche / J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1973
Für Anfänger in der Materie ein unverzichtbares Werk, das auch sehr günstig zu haben ist. Mit vielen Literaturverweisen erklärt “Der Laplanche-Pontalis” alle wichtigen Begriffe der Psychoanalyse von “Abarbeitungsmechanismen” bis “Zwangsneurose”.
2. Freud, Sigmund: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, aus “Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, Erstveröffentlichung London (Imago Publishing Co.) 1940, mittlerweile ist Freuds Gesamtwerk im Projekt Gutenberg kostenlos als Download oder gegen geringe Gebühr als CD-ROM erhältlich
In diesem Werk erklärt Freud sein Strukturmodell der menschlichen Psyche aus ICH, ES und Über-ICH
3. Kohut, Heinz: Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1976
Kohut entwickelte die ICH-Psychologie Sigmund Freuds weiter, prägte den Begriff des “Selbst” und begründete darauf seine eigene Richtung der Selbstpsychologie inklusive einer Weiterentwicklung von Freuds Narzißmustheorie.
4. Kohut, Heinz: Die Heilung des Selbst, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 9. Aufl. 1981
In diesem Werk arbeitet Kohut seine Selbstpsychologie weiter aus und erklärt ihre Zusammenhänge.
5. Kernberg, Otto F.: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1983
Objekttheoretiker Otto F. Kernberg erklärt hier seine Weiterentwicklung der Narzißmustheorie und die Überarbeitung des Konzeptes der Borderline-Störung. Da Kernberg die letztere als Kontinuum sieht, verwendet er den Plural.
6. Kernberg, Otto F.: Objektbeziehungen und Praxis der Psychoanalyse, Klett-Cotta 6. Aufl. 1992
In diesem Werk breitet Kernberg seine Theorie der Objektbeziehungen nochmals etwas weiter aus und bezieht sie auf ihre praktische Umsetzung
Zwar war Goffman kein Psychoanalytiker, sondern Soziologe, doch zähle ich dieses Werk zu den unverzichtbaren Grundlagenwerken für die Psychoanalyse, da Goffman sich hier mit dem Begriff des Stigmas und dem Selbsterleben psychisch Kranker als “beschämende Andersartigkeit” auseinandersetzt.
An dieser Stelle ist Stavros Mentzos als weiterer großer Denker der Psychoanalyse einzuführen. Auch er entwickelte den Neurosenbegriff, den Narzissmusbegrif und andere Theorien Freuds weiter. In diesem Werk gibt er eine sehr gute Einführung zu neurotischen Mustern, die aber erst nach der Lektüre der vorherigen Werke gelesen werden sollte, da Mentzos teilweise seine eigene, weiterentwickelte Begrifflichkeit verwendet, die sich teilweise ein großes Stück von den ursprünglichen Begrifssbedeutungen der Freudianischen Psychoanalyse unterscheidet.
In diesem Werk arbeitet Mentzos seine Theorien weiter aus und benutzt das sehr anschauliche “Bankkontenmodell” und das Modell der “narzisstischen Homöostase”, welche beide durch ihre graphische Darstellung sehr einleuchtend sind.
Weiterführendes:
1. Adler, Alfred: Menschenkenntnis, Frankfurt a.M. (Fischer) 1966
Der “ehemalige Psychoanalytiker Alfred Adler”, wie Freud ihn nach dem Bruch mit ihm bezeichnete spaltete sich im Streit von Freuds Mittwochsgesellschaft ab und suchte einen eigenen Weg in die Psychoanalyse. In diesem Werk erklärt er sein Verständnis der Zusammenhänge der menschlichen Psyche.
2. Adler, Alfred: Neurosen. Fallgeaschichten, Frankfurt a.M. (Fischer) 1981
Wer sich in Adlers Theorien weiter hineinlesen möchte, findet hier ein leicht zu lesendes Werk, das einige seiner interessantesten Fälle vorstellt.
Menschen, die sich fragen, warum die 68er-Bewegung und alt-68er die klassische Psychoanalyse als Kontrollmechanismus des Establishments ablehnen bis hassen, findet hier den historischen Abriss der Hintergründe und den Versuch einer Versöhnung mit den marxistischen Idealen.
Für Streber:
Lacan, Jacques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, in: Schriften Bd. I, Berlin (Quadriga) 4. Aufl. 1991
Der härteste Stoff, den die Psychoanalyse zu bieten hat: Jacques Lacan. Genial, aber selbst derartig narzisstisch, dass seine Texte durch seine geliebten Wortspielereien fast unlesbar sind, wenn man nicht über ein fundiertes Wissen psychoanalytischer Zusammenhänge verfügt. Absoluter Irrsinn für Menschen, die kein Leben haben. Wem das nicht reicht und über die nötigen Französischkenntnisse verfügt (der fürchterliche Schreibstil ist der Grund, warum sein Werk bis heute nicht vollständig übersetzt ist): Le “je” n’est pas le “moi”. Viel Spaß beim Grübeln
Die Liste ist als Einführung gedacht, darum tauchen Jung, Anna Freud, Mitscherlich, Horney etc. nicht auf…die wird der geneigte Leser sich dann selbst erschließen..
cd
Der Zorn des Engels trifft mich
17. Jun
Ralf Maucher ist offensichtlich wirklich sauer:
Herr Drossmann,
ich habe mir erlaubt, nicht zu lesen, was Sie schreiben, weil es mich wirklich nicht interessiert -und weil Sie nicht in der Lage sind, eigene Denkfehler zu erkennen. Dafür habe ich bereits genügend Belege. Also: Für mich machen Sie keinen Sinn.
Beim Schreiben eine Fixation auf Ihren Schlußsatz – das ist auch gut so – dann kann ich Ihnen sagen:Ich werde das so regeln wie ich das regeln werde.
Das heißt: Sanktionen. Sie hatten die Wahl der Beleidung -und ich werde die Sanktion auswählen.
So – und jetzt lade ich Sie ganz höflich aus aus meinem Blog. Ich schreibe für (junge) Menschen, die in die Weisheit finden – und die mit ihren Erfahrungen nicht alleingelassen werden sollten – und nicht pathologisiert.
Für Sie schreibe ich also nicht.RM
P.S.: Ich freue mich richtig darauf, Sie zu lehren, mich ernst zu nehmen…
Das ist der gleiche Ralf Maucher, der noch am 14. Juni schreibt:
Sie können sich aber genau an dieser Stelle ein Stückweit von den Manipulationen befreien, indem Sie nicht die vom Fiesen erwartete Reaktion auf seine Häme zeigen.
Ahja…aber ich mache keinen Sinn…nungut…ich bin gespannt auf die Sanktionen (womit Herr Maucher nebst Verletzung des Datenschutzes, Beleidigung und übler Nachrede bzw. Verleumdung nun auch noch Bedrohung meiner auf der Liste hat).
Ich bin auch gespannt auf die Lehre…mein Anwalt hat sich vor Lachen weggeschmissen…dann warte ich mal auf amtliche Post aus Bayern…oder auf einen Fluch aus dem n-dimensionalen Raum…hoffentlich will er mir nicht mein Chakra verbiegen…
cd
Darth Vader hat Borderline
06. Jun
Die schlimmsten Dinge auf der Welt passieren, wenn Wissenschaftler zu viel Zeit haben. Diese Aktion finde ich aber ziemlich stylish: Wie Nerdcore heute schreibt, hat Jeremy Hsu von LiveScience sich Krieg der Sterne noch einmal etwas genauer angesehen und eine Diagnose von Anakin Skywalker bzw. Darth Vader erstellt. Der Lord der dunklen Seite der Macht erfüllt die Diagnosekriterien für die Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM-IV…;-)
LiveScience: The Psychology of Darth Vader Revealed
cd
Psychologie: Autismus und Asperger
05. Jun
Durch einen call for bloggers auf der special-needs Webseite www.able2able.com habe ich vor kurzem einen englischen Artikel zum Thema “Autismus und Asperger” veröffentlicht. Für die, die des Englischen nicht mächtig sind, heute die deutsche Übersetzung:
Weil ich seit längerer Zeit keinen ernsthaften Artikel mehr verfasst habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen und einen solchen aus der psychologischen Perspektive, statt aus der Sicht eines Elternteils oder eines Betroffenen verfassen. Meine Ratschläge an Eltern, die vor kurzem die Diagnose für ihr Kind bekommen haben:
1. Vor allem: Stellen Sie sicher, dass die Diagnose wasserdicht ist! Trauen Sie keinen Vermutungen oder dem Bauchgefühl eines Allgemeinmediziners (das ist keine Abneigung gegen Generalisten, sondern lediglich das Credo, dass jede Diagnose von einem Spezialisten verifiziert werden sollte). Wie für jede andere Störung definiert das “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Revision IV (DSM-IV)” der American Psychiatric Association zusammen mit der “International Classification of Diseases, Revision 10 (ICD-10)” genaue Diagnosekriterien für Autismus und Asperger und es gibt eine Reihe standardisierter Tests, die von qualifizierten Psychiatern (am besten ein Kinderpsychiater), klinischen Psychologen und (psychologischen) Psychotherapeuten, zusammen mit neurologischen Diagnoseverfahren durchgeführt werden können, um die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Störung zu ermitteln. Die Dauer des Tests hängt vom individuellen Fall ab. Größere Kliniken bieten zur Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mutter-Kind-Zimmer oder Eltern-Kind-Zimmer an, sodass ein oder beide Elternteile während der Dauer des Aufenthaltes ständig bei ihrem Kind sein können.
2. Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wenn die Diagnose von einem Experten bestätigt ist, müssten Sie über die Art der Störung (Autismus, Asperger) und das Ausmaß der Störung (z.B. auf der Autismus-Skala) sowie Therapiemöglichkeiten, die dazu dienen, die Fähigkeiten Ihres Kindes zu verbessen, aufgeklärt worden sein. Suchen Sie nicht nach “Normalität”, die es ohnehin niemals gibt, sondern streben Sie nach individueller Verbesserung, nach den individuellen Fähigkeiten ihres Kindes. Und behalten Sie im Hinterkopf, dass die Entwicklung eines Kindes sehr schwer vorauszusagen ist. Während in den meisten Fällen von Asperger ein hoher Grad an Funktionalität bezogen auf soziale Interaktion, Lernen und Erziehung, Berufsausbildung, Arbeitsleben etc. erreicht werden kann, werden schwerere Fälle aus dem Autismus-Spektrum ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein. So zynisch wie es auch klingt – Sie werden nicht ewig leben! Ziel sollte also nicht sein, so lange wie möglich für Ihr Kind da zu sein, sondern ihm von Anfang an zu helfen, ein innerhalb der Grenzen der Störung autonomes Leben zu führen.
3. Lernen Sie, auf der digitalen, statt der analogen Ebene zu kommunizieren. Der Unterschied zwischen analoger und digitaler Kommunikation ist eine Differenzierung des Psychologen Paul Watzlawick. Die digitale Kommunikation einer Aussage bezeichnet die Sachebene der Nachricht, während die analoge Kommunikation den Kontext, sowie Mimik, Tonfall und Körpersprache umfasst, also die Nachricht “zwischen den Zeilen”. Jede gesprochene Aussage kann man als sogenannten Sprechakt interpretieren, der sich in seiner Bedeutung vom semantisch Gesagten unterscheiden, oder ihm sogar entgegengesetzt sein kann. Sie können beispielsweise eine Person direkt bitten, das Fenster zu schließen oder die Heizung höher zu drehen, oder aber Sie sagen nur “Mir ist kalt!” Auf der digitalen Ebene ist diese Aussage eine reine Zustandsbeschreibung, während sie auf der analogen Ebene als Aufforderung, diesen Zustand zu ändern verstanden wird. Andere Sprechakte haben überhaupt keine digitale Bedeutung, sondern dienen rein als soziale Geste. Sie sagen beispielsweise als Gruß “Guten Morgen” oder “Guten Tag”, auch wenn es Sie überhaupt nicht interessiert, wie der Morgen oder der Tag des Anderen ist. Es ist ein reines soziales Ritual ohne echte Inhaltsebene.
Ein häufiges Symptom bei Autismus und Asperger ist der sogenannte “Literalismus”. Dieser beschreibt Schwierigkeiten oder totale Unfähigkeit, auf der analogen Ebene kommunizieren zu können und somit die Unfähigkeit, Sprechakte, die ihre Bedeutung durch soziokulturellen Kontext bekommen, zu verstehen. Ein Mensch mit Autismus oder Asperger wird eine Aussage fast immer wörtlich nehmen, somit zielt ein großer Teil der Therapie auf das Vermitteln der tieferen Bedeutung bestimmter Aussagen, um die sozialen Kompetenzen des Patienten zu verbessern. Das gleiche gilt für Körpersprache und Mimik. Autisten und Asperger-Patienten haben teils große Schwierigkeiten, Gesichtsausdrücke zu deuten und ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet werden immer begrenzt bleiben. Während Menschen ohne Autismus oder Asperger diese Dinge im Sozialisationsprozess durch mimetische Prozesse verinnerlicht haben, müssen Kinder mit Autismus oder Asperger Dinge, die für uns “normal” oder “sozial akzeptables Verhalten” sind, durch Erklärung erlernen. Dieses Symptom ist eines der schwierigeren, da Defizite auf der analogen Ebene oft als “Unerzogenheit”, Unhöflichkeit oder gar als Feindseligkeit interpretiert werden, vor allem von Kindern. Daher:
4. Behalten Sie die Beherrschung! Wenn Ihr Kind unerwünschte Reaktionen zeigt, liegt dies meist daran, dass es Ihre Nachricht nicht verstanden hat. Nicht auf ein “guten Morgen” zu reagieren ist keine Unhöflichkeit oder Feindseligkeit – das Kind mit Autismus oder Asperger versteht schlichtweg nicht, warum es auf eine bloße Zustandsbeschreibung, wie Sie Ihren Morgen finden, reagieren soll. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind auf nonverbale Signale oder Gesichtsausdrücke entsprechend reagiert. Sagen Sie lieber “das macht mich ärgerlich”, anstatt nur ein verärgertes Gesicht aufzusetzen. Stellen Sie direkt formulierte Fragen (“Wie geht es Dir?” statt “guten Morgen”). Verwenden Sie keinen Sarkasmus, keine Ironie und keinen Zynismus. Diese Stilmittel stellen ein autistisches oder Asperger-Kind vor eine unlösbare Aufgabe. Verstehen Sie Kommunikationsverweigerung nicht als Ablehnung! Je nach Schweregrad der Störung möchte Ihr Kind vielleicht überhaupt nicht mit ihnen kommunizieren, möchte von Ihnen nicht berührt werden oder möchte nicht einmal, dass Sie in seiner Nähe sind. Akzeptieren Sie das ohne sich abgelehnt zu fühlen. Einem autistischen Kind ist die analoge Bedeutung einer solchen Geste schlichtweg nicht bewusst.
5. Nichts erzwingen! Eine verbreitete Therapiemethode für autistische Kinder war früher die Festhaltetherapie nach Dr. Jirina Prekop. Die Grundidee hinter der “haltenden Umarmung” war, dass man Kinder an physischen Kontakt gewöhnen konnte, hielt man sie so lange (gezwungen!) fest, bis sie aufhörten, sich zu wehren. Diese Methode wird heutzutage (außer von einigen Hardlinern der Prekop’schen Lehre) nicht mehr angewendet, da sich das Verständnis des Autismus grundlegend verändert hat. Die aktuellen Modelle gehen davon aus, dass diese Form der Therapie den Kindern mitnichten beibringt, physischen Kontakt zu “mögen”, sondern nur, ihn zu ertragen und wird deshalb als unethisch betrachtet. In Deutschland hat es bereits einige erfolgreiche Klagen gegen Erzieher und Therapeuten gegeben, die diese Methode noch anwenden. Es gibt Patienten, die physischen Kontakt nach einer Weile tolerieren, während andere dies niemals erlauben. Es gibt keine wirkliche Methode, dies zu ändern und die Toleranz variiert von Fall zu Fall.
Akzeptieren Sie, dass Autisten und Asperger-Patienten in einem hohen Maße in ihrer eigenen Welt leben. Es gibt keine Möglichkeit, sie dort heraus zu zerren. Die einzige Möglichkeit ist, ihr Vertauen soweit zu gewinnen, dass sie zulassen, Sie in ihre zu lassen. Und es ist ihre Entscheidung, welchen Stellenwert Sie in ihrer Welt haben. Wie ich bereits sagte: Nehmen Sie dies nicht als Affront oder Ablehnung- das ist die Art, wie ein Autist seine Welt interpretiert.
6. Es wird sich nicht “rauswachsen”. Bestimmte Persönlichkeitsstörungen haben, wie beispielsweise einige Formen der Borderline-Persönlichkeitsstörungen, die Tendenz, mit zunehmendem Alter “auszubrennen”. Dies trifft aber nicht auf Störungen aus dem Autismus-Spektrum und Asperger zu. Es gibt Raum für Verbesserungen, aber abhängig vom Schweregrad der Störung werden bestimmte Symptome mehr oder weniger so bleiben wie sie sind. “Hochfunktionale” Autisten und Asperger-Patienten können zu einem hohen Grad erlernen, sich in die Gesellschaft einzufügen, aber auch dies ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt keine regelrechte “Heilung”, da Autismus und Asperger Störungen sind, keine “Krankheiten”.
7. Halten Sie sich fern von klinischer Literatur und der Wikipedia! Einer der häuftigsten Effekte, die wir bei Laien beobachtet haben, wenn sie mit klinischer Literatur und anderen mehr oder weniger zuverlässigen Quellen konfrontiert werden, ist, dass Laien durchaus die statistische Information aus diesen Quellen zusammen mit den Prognosen verstehen können, aber haben (aus Mangel an klinischer Erfahrung) keine Referenz, wie wahrscheinlich die Dinge eintreten werden, über die sie gelesen haben. Normalerweise führt klinische Literatur ohne einschlägige Vorbildung eher zu mehr Unsicherheit als Sicherheit. Statistische Daten, die Sie nicht vollständig interpretieren können, werden Ihnen ehrer Angst machen, als Ihnen zu helfen. Wenn Sie Fragen zu Ihrem Kind haben, stellen Sie sie einem Fachmann, der diese dann anhand der individuellen Struktur Ihres Kindes beantworten wird. Ich werde Ihnen hier keine Zahlen oder Tabellen an die Hand geben, denn in der klinischen Realität hat alles eine Wahrscheinlichkeit von 50% – es trifft entweder zu, oder eben nicht. Prozentzahlen über die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind Symptom X oder Y entwickeln wird werden Ihnen nicht helfen, denn entweder hat Ihr Kind Symptom X oder Y, oder nicht…
Eine andere “Nebenwirkung” klinischer Literatur, die auch bei Studenten und oft bei ausgewachsenen Klinikern zu beobachten ist, ist das Problem der Projektion. Wenn Sie von Symptom X lesen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dieses Symptom auch an Ihrem Kind entdecken werden – nicht weil es wirklich da ist, sondern weil das Lesen Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Detail gelenkt hat…der alte Spruch lautet da: Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus…
Die bessere Herangehensweise ist: Beobachten Sie und wenn Sie etwas “komisch” finden, DANN fragen Sie nach…lernen Sie keine Seiten aus dem ICD oder DSM auswendig…Sie werden doch nur Gespenster sehen…
Ok, so viel im Moment zu diesem Thema..ich hoffe, einige Dinge sind hilfreich.
cd
Sprachbarriere
11. Mai
Von Gesellen und Meistern
10. Mai
Ist das schön! Man sieht sie nun endlich auch in freier Wildbahn! Die Bachelors! Und ich meine jetzt keinen MTV-Star mit “idiot haircut”, sondern die neue, aufstrebende Riege der Nachwuchswissenschaftler, die sich jetzt eines international anerkannten Abschlusses erfreuen dürfen. Gerade vor einigen Wochen hatte ich das Vergnügen, eine Vertreterin dieser seltenen neuen Spezies in ihrem natürlichen Habitat erleben zu dürfen. Eine B. Sc. der Psychologie. Die Farbe auf den Namensschild an ihrem Kittel war noch nicht ganz trocken…sie war auch ein wenig jünger als ich…so knapp zehn Jahre…aber es ist ja schön zu sehen, dass jungen Menschen im harten Alltag der Industrie für anerkannten Wahnsinn eine Chance gegeben wird…auch wenn es mich etwas ins Grübeln bringt…in der guten alten Zeit, als die Stadt Essen noch eine Universität Gesamthochschule hatte, kam auch die Forderung auf, wir müssten auch Bätschla und Maasta umstellen…haben wir dann auch gemacht….das Grundstudium des ehemaligen Diplomstudienganges wurde zum Bätschla…das Hauptstudium zum Maasta…hat ganze dreißig Minuten gedauert, mit Ctrl-F die Wörter in den Studienordnungen auszutauschen…und dann ging die frisch zwangsfusionierte geborene Universität Duisburg-Essen mit dem Segen des Diktators Gründungsrektors einer strahlenden Zukunft entgegen…zumindest die Teile, die nicht geschlossen werden…Opfer der neuen Lehramtsausbildung wurden unter anderem die Fachbereiche Erziehungswissenschaft(!) und das Zentrum für Hochschuldidaktik(!!)…
Meine Irritation rührt aus folgendem Umstand: Der Wisch, den ich für meine Unterlagen als Zusatzqualifikation erworben habe, bescheinigt mir die Fähigkeit zum Zwecke der akuten Krisenintervention solange therapeutisch tätig zu sein, bis ich den oder die Jugendliche(n) in die Hände eines approbierten Mediziners oder eines ausgebildeten klinischen Psychologen gebe…mehr darf ich nicht…und das auch nur unter Supervision…zum Beispiel von einem Bachelor der klinischen Psychologie, der für seinen Abschluss weniger Scheine braucht, als ich für Vordiplom und Zusatzquali…aber ich bin ja zum Glück nach der Übergabe von jeder Verantwortung entbunden…ich bin ja kein Arzt und kein Psychologe…;-)
cd
Revolutionäre Behandlungsmethode bei AD(H)S: Erziehung statt Ritalin
05. Mai
Oha! Wenn man einiges an Forschungsgeldern raushaut, bekommt man auch revolutionär neue Ergebnisse…so geschehen in Nottingham, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet.
Eine Gruppe von AD(H)S Kindern mussten bei einem simplen Computerspielen beim Erscheinen eines grünen Aliens auf dem Bildschirm auf einen Knopf drücken, bei einem schwarzen Alien nicht. Die Kontrollgruppe bekam Ritalin, bei der Experimentalgruppe wurde auf das Medikament verzichtet, im Erziehungsstil aber Erfolge sofort und konsequent belohnt, Fehler sofort und konsequent sanktioniert. Resultat: Die Experimentalgruppe schnitt im Ergebnis fast so gut die die Kontrollgruppe ab…das EEG lieferte die Bestätigung, dass die Kinder der Experimentalgruppe ähnlich erhöhte Aufmerksamkeit zeigen, wie die Kinder auf Ritalin.
Interessant finde ich, dass dies als so bahnbrechende Neuerung gefeatured wird…dass Kinder näher an Pawlow als an Freud sind, sollte hinlänglich bekannt sein. Im Unterricht macht man das in den untersten Klassen jeden Tag. Dann vergrößert man die Intervalle, um eigenmotiviertes Lernen zu trainieren. In der Didaktik ist das als “intermittierendes Modell” bekannt und der Grund, warum man in der 5 so viele und in der 13 kaum noch Arbeiten schreibt. Ich bleibe bei der These, die ich letztens beschrieben habe: Lasst Eure Kinder von einem Neurologen oder Kinderpsychiater untersuchen…
Gut, wir haben nun erwiesen, dass das Belohnungssystem bei AD(H)S-Kindern funktioniert…aber die klassische Konditionierung der Kinder findet da ihre Grenzen, wo sie die Schule, eben durch besagtes intermittierendes Modell, sie überholt und ich immer mehr zum operanten Konditionieren übergehen muss…spätestens dann wird bei echtem AD(H)S wohl doch Ritalin fällig sein…ich halte aus dem Bauch heraus die Methode sogar für schlechter, da im Rahmen Schule die Bedingung, dass gute Leistung sofort belohnt wird, aufgrund der Schülerzahl fatisch nicht hinzubekommen ist…gewöhnen sich die Kinder durch diese Erziehungsform daran, gibts spätestens in den höheren Klassen ein Problem, wenn ich den Schüler X heute mal nicht so würdigen kann, wie er es gerne hätte…naja, schauen wir mal…ich hätte gerne noch eine zweite Experimentalgruppe, die Haldol statt Ritalin bekommt…rein interessehalber…
cd
Sozialität im Web 2.0 – Beziehungen und Nicht-Beziehungen
04. Mai
Auf Carta wurde vor kurzem ein Artikel veröffentlich, den ich ziemlich gut finde, da er ein Phänomen des Web 2.0 sehr pointiert auf den Punkt bringt: Beziehungen, die so heißen, aber keine sind. Umair Haque sagt in seinem Artikel “Die Social-Media-Blase: Nennen wir es Beziehungsinflation” folgendes:
“Zahlenmäßig haben wir dank sozialer Netzwerke deutlich mehr Kontakte als früher. Doch wertvoll sind in Wahrheit – wenn überhaupt – nur sehr wenige von ihnen.”
Er vergleicht die beobachtbare zunahme flüchtiger Kontakte und “Freundschaften” zu Menschen, die man im Leben nie getroffen hat mit den faulen Krediten der Immobilienkrise. Ein sehr lesenswerter Artikel.
Pädagogisch-psychologisch lässt sich ein weiteres Phänomen damit in Verbindung bringen. Symptomatisch für einige Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter ist die gefühlte oder reale Ablehnung durch Peers und andere Menschen, die früher durch imaginäre Freundschaften kompensiert wurde. Die Betroffenen bildeten sich also entweder selbst -störungsbedingt- ein, dass z.B. der Bundeskanzler, der zufällig bei einer Wahlveranstaltung ihre Hand als eine von hunderten persönlich geschüttelt hat, ein Freund von ihnen sei. Entsprechende Geschichten wurden ausgeschmückt oder vollständig zusammenkonfabuliert. In der Web 2.0-Gesellschaft bekommt dieses Störungsbild eine ganz andere Form der Nahrung: Durch Twitter, Facebook etc. ist es nun realiter und nicht nur imaginär möglich, mit im Prinzip jeglicher Prominenten Persönlichkeit in einer Form direkter Verbindung zu stehen, die für Außenstehende durch Kontaktlisten beweisbar ist. Es ist somit deutlich intensiver möglich, als es früher durch Fanclubs der Fall war, derartige imaginäre Beziehungen zugunsten der Vermeidung echter sozialer Kontakte zu unterhalten. Ein Phänomen, das gerade bei sozialen Phobien gehäuft auftritt. Ich denke, diese Entwicklung ist mit der Schlüssel für die viel propagierte “Internetsucht” bei Jugendlichen. Es ist weniger die Pornographie, die eine Gefährdung darstellt, als mehr die tatsächliche Möglichkeit, Sozialität in der Nichtsozialität (also ein virtueller, aber durch inflationäre Benutzung des Freundschaftsbegriffes bei Facebook, StudiVZ, SchülerVZ und Co. sozialer Rahmen) zu erleben und so gar nicht den nötigen Leidensdruck aufzubauen, um eine Krankheitseinsicht bei den Betroffenen zu erzeugen. Ich denke, das wird irgendwann ein eigener Bereich der Soziologie und Psychologie werden….
cd














