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Geballter Wahnsinn 2 – Suchanfragen
8Ich habe mich entschieden, die Idee von buchstäblich zu klauen und sporadisch die kuriosesten Suchanfragen zu veröffentlichen
Heute nun die erste Folge: (weiterlesen …)
Piercings und Beruf…
0Wo doch gerade der Austausch bezüglich Body Modification stattfand:
Im Unispiegel bin ich dabei über den folgenden Artikel gestolpert:
Fetisch-Mode im Job – Alien unter Biedermännern
u.a. heißt es dort:
Werde ein Teil des Aussehens in Frage gestellt, “kann es passieren, dass die Person dies als eine Infragestellung der ganzen Persönlichkeit erlebt” – und blockt.
Der Artikel enthält zumindest einige weitere interessante Betrachtungsweisen bezüglich des Problems Individualität vs. Anpassung
cd
Körperschmuck und Diagnosen…
4Gestern hatte ich ja einen Eintrag unter dem Titel „Augen tätowieren“ verfasst.
Vom Blogautor des Jackpot-Blogs bekam ich dann einen Kommentar, dem ich hier kurz einen eigenen Eintrag widmen möchte:
Der Kommentar bezieht sich auf die Möglichkeit einer „Diagnose“ bezüglich extremer Körperschmuckpraktiken:
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Das mit der Borderline war eigentlich nicht so ganz ernst gemeint. Wie man auch aus dem weiteren ersehen kann. Ich hab leider immer noch keine Zeit gefunden mir das ganze auf Patho ebene zu überlegen.
Bist du nicht auch der Meinung, dass eine Diagnose möglich währe?
Nicht, dass sie haltbar ist. Klar, anhand eines Bildes jemanden zu diagnostizieren disqualifiziert einem. (mich jedenfalls)
Hast du ne Idee was für eine Diagnose in die richtige Richtung ginge?
jackbrown
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Hmm…psychoanalytisch interessanter fände ich ja die Frage, warum Du das aufgeführte Phänomen unbedingt pathologisieren willst…
Aber ich will ernsthaft auf Deinen Kommentar antworten.
Ich halte das Gezeigte nicht für pathologisch, wie ich es in meinen Schulungsmaterialien ja auch schon geschrieben habe, aber spielen wir das trotzdem mal diagnostisch durch…
Zunächst mal muss man klären, ob man stur nach DSM- und/oder ICD-Kriterien diagnostizieren will, oder sich einen eigenen therapeutischen Ermessensspielraum schafft.
Starre Kriterien werden hier für eine Diagnose nicht viel helfen, denn SSV und SVV sind nie eigenständige Krankheit, sondern nur Symptom einer übergeordneten Störung. Somit habe ich bereits eine ganze Palette möglicher Störungen, die alle weiterer erfüllter Kriterien bedürfen, um eindeutig diagnostiziert zu werden. Das kann ich im Anamnesegespräch machen und mich auf meinen Bauch verlassen, oder per standardisiertem Test, wie z.B. dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI), welcher der bekannteste sein dürfte, und anderen standardisierten Verfahren.
Wenn ich mir dann nicht ganz sicher bin, suche ich mir die Diagnosen raus, die in Frage kämen und mache dann eine Differenzialdiagnose, indem ich bei den die Diagnose differenzierenden Symptomen nochmal genau nachhake, bis ich dann am Schluss mehr oder weniger eindeutig eine Diagnose stellen kann („mehr oder weniger eindeutig“, da die meisten Diagnosen ab einer gewissen Zahl an erfüllten Kriterien stellen darf, wobei nicht alle vorhanden sein müssen….)…hab ich am Schluss nicht raus, was es ist, nehme ich die Diagnose, die mir am besten gefällt und setze das Wort „atypisch“ davor
Dass Diagnosen erst im Nachhinein aufgrund des Anschlagens oder auch Nichtanschlagens von Medikation gestellt werden („Das passt mit Haldol, der is wohl doch schizo…“), ist übrigens ein böses Gerücht. Meist wird gewürfelt…
Etwas leichter hast Du es, wenn Du an einer klinischen Studie teilnimmst, dann bekommst Du die Diagnose, die unsere Ergebnisse signifikant macht…
Kurzgefasst: Das ICD ist hauptsächlich dazu da, um die Krankenkasse glücklich zu machen, weil die einen F-Schlüssel braucht, bevor die zahlt
Sehe ich Body-Modification durch reine Klinikeraugen, stelle ich zunächst ein gestörtes Körperverhältnis fest. Der Patient empfindet seinen Körper entweder nicht schön genug und möchte ihn „verbessern“, oder er hat sich mit seiner subjektiven Hässlichkeit abgefunden und möchte sie unterstreichen. Das ist meist Symptom einer übergeordneten Ichschwäche. Spontan fallen mir da die narzisstische Persönlichkeitsstörung ein (die es heute so als Diagnose eigentlich nicht mehr gibt…), schizoaffektive Psychosen, Borderline usw..
Andererseits kann auch das reine Körperverhältnis in Ordnung sein, aber der Patient emfpindet sich als „in der Masse untergehend“ und möchte durch die Optik herausstechen. Dieses Problem finden wir bei vielen Menschen, das ist das alte Problem der Nichtintegrierbarkeit von Individualität und Gesellschaft…also gleichzeitig Individuum und einer von tausenden zu sein, an die man sich anpassen muss, weil einen die Gesellschaft sonst ausgrenzt…die Optik bietet da einen guten Kompromiss, da ich meine Verhaltensweisen dann im gesellschaftskonformen Rahmen belassen kann…
Das ganze wären dann einen Blick in Richtung sozialer Ängste und Sozialstörungen bis hin zur antisozialen Persönlichkeit wert…je nachdem ob die betreffende Person sich eben nur abheben, aber trotzdem integrieren, oder eben völlig zum Rest der Gesellschaft abgrenzen würde..
Diese ganze Geschichte schaukelt sich dann immer weiter hoch, denn hat sich die Gesellschaft und das Umfeld erstmal an eine Sache gewöhnt, muss das Individuum einen Tacken Auffälligkeit drauflegen, um noch herauszustechen…in einer Gesellschaft, in der Piercings keinen mehr interessieren, weil sie zum Alltagsbild dazugehören, muss ich mir dann eben die Augäpfel blau tätowieren, um noch aufzufallen…insofern fast schon notwendiger logischer Schluss…
Außerdem relevant ist die Altersgruppe, in der dieses Phänomen auftritt. Gerade in der Individuationsphase des Jugendalters und der Früh- und Spätadoleszenz sieht man -auch subkulturabhängig- sehr viele dieser Praktiken, die für eben diese Altersgruppe fast schon typisch sind…für einen 20jährigen sind also bestimmte Verhaltensweisen normal, die für einen 50jährigen schon als pathologisch (oder in deren Rahmen wieder als normal, Stichwort: midlife-crisis) angesehen würden…es gibt kein „ich“ ohne ein „du“ und über Äußerlichkeiten und Kleidung kann man sich einer gewissen Gruppe als zugehörig zeigen, während man sich gegen eine andere (im Jugendalter die Erwachsenenwelt) abgrenzen kann…
Eine weitere Komponente dann schließlich ist die Sexualität. Manchen geht es nicht um das Intimpiercing an sich, sondern um das Gefühl, mit exponiertem Geschlechtsteil wehrlos vor einer Person des anderen Geschlechts zu liegen, die einem dann noch einen Metallgegenstand durch ebendieses stößt…es sind einige Fälle bekannt, in denen das Durchstoßen der Brustwarzen oder des Klitorisbereiches mit der Piercingnadel zu einem Orgasmus der gepiercten Dame führte…insofern sind also auch da die Ursachen auf ganz anderer Ebene zu suchen…
Andere berichten, dass sie während des Stechens einer Tätowierung absolutes Glücksgefühl empfänden (denkbar durch die Ausschüttung schmerzstillender Substanzen aufgrund der Stiche), was letztendlich zu einer regelrechten Sucht am Stechenlassen von Tattoos führt…
Wie Du siehst, ein sehr weites und nicht in ein einzelnes Diagnosekriterium zu pressendes Feld.
In Bezug auf Tattoos möchte ich da auf einen Band unserer Arbeitsgruppe an der Uni Essen verweisen [DAUERWERBESENDUNG ON]:
Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Eine Einführung in Jugendkulturen. Veganismus und Tatoos, Wiesbaden (VS-Verlag) 2005
Darin, neben dem Veganismusartikel von Thomas Schwarz lege ich Dir dann den Artikel von Tobias Lobstädt, „Tätowierung in der Nachmoderne“ ans Herz…
[DAUERWERBESENDUNG OFF]
Gehen wir aber nunmal weg von reinen klinischen Kriterien.
Mein Leitsatz war und ist immer: Solange Du niemandem wehtust, kannst Du so bekloppt sein, wie es Dir gefällt.
Etwas differenzierter:
In der modernen Psychiatrie und Psychotherapie rückt der Begriff des „Leidensdrucks“ immer mehr in den Vordergrund…also Dein eigenes Empfinden, ob es Dir schlecht geht, oder nicht.
Für mich ist relevant, ob de Person, die BM betreibt, diese als „Verbesserung“ empfindet. Das Bedürfnis, den eigenen Körper aus Selbsthass etc. zu zerstören würde ich als pathologisch und klinisch relevant (mit allen Konsequenzen…) ansehen. Wobei SVV durchaus eine positive Wirkung hat, das würde aber hier zu weit führen…
Steht also der Schmerz und/oder die Körperschädigung durch Nadeln, Metallringe, etc. nicht im Vordergrund, sondern wird in Blick auf das Endergebnis der Selbstverschönerung billigend in Kauf genommen, so ist dagegen überhaupt nichts zu sagen.
Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist dies mittlerweile Teil der sehr notwendigen -wenn auch für die Erwachsenenwelt schwer zu verstehenden- Individuation und muss immer relativ zur Peer und zum Gesellschaftsteil, in dem sie sich bewegen, gesehen werden.
Prägnanter gesagt: In einer Subkultur, in der alle gepierct und tätowiert sind, ist derjenige, der das nicht tut, der „kranke“ oder der „Außenseiter“ und sticht für mich heraus…stell Dir mal einen Typen in HipHop-Klamotten bei einem Metalcore-Konzert vor…;-)
Ist also der Mann in den Bildern, die Du in Deinem Blog zeigst, mit blauen Augäpfel (die ja nicht seine erste BM sind, wie man an seiner Stirn sieht…) glücklicher, weil es seinem Empfinden von Körperästhetik voll entspricht, ist das für mich völlig okay…genauso wie der, der durch seinen Prinz Albert den Geschlechtsverkehr als erfüllender empfindet oder derjenige, der sich erst als richtiger Schalke/BVB/RWE/welchervereinauchimmer-Fan empfindet, wenn er das Vereinsemblem auf dem Hintern oder sonstwo trägt…
Letzendlich entscheidet auch „die Gesellschaft“ über den Begriff „krank“, da „normal“ eben „normiertes Verhalten“, also das Verhalten des größten Populationsteiles meint…da spielt auch die „Sitte“ eine ebenso große Rolle…und die entscheidet auch über diese Begriffe…ansonsten kämen wir in massive Bedrängnis. Warum?
Nehmen wir das Ohrlochschiessen als Beispiel. Nehmen wir an, psychiatrische Kriterien hätten absolute Gültigkeit, unabhängig von gesellschaftlicher Realität:
Dann wäre ein Mensch, der sich ein Ohrloch für einen Ring schiessen lassen will akut krank. Er hat das Bedürfnis, dass ihm jemand anderes eine leichte Körperverletzung zufügt, um sich einen Ring durch einen Körperteil zu stecken. Allein die Äußerung dieses Wunsches würde eine Zwangseinweisung wegen akut selbstschädigenden Verhaltens nach sich ziehen. Dazu würde sich jeder Schmuckhändler, der dies praktiziert, der Körperverletzung strafbar machen, da diese auch auf Verlangen strafbar ist. Er dürfte auch kein Geld dafür nehmen, da dies dann juristisch gesehen sittenwidrig wäre. Sei es, weil Körperverletzung gegen Geld nicht legal sein kann, oder aufgrund der Tatsache, dass jemand, der um Körperverletzung bittet, offensichtlich krank und somit vermindert oder überhaupt nicht geschäftsfähig ist und somit den mündlichen Vertrag hierzu seitens des Juweliers gar nicht geschlossen werden kann …Und dieser Argumentation würde ja heute absolut niemand mehr folgen…für Piercings -welche zumindest in Ballungsräumen in den meisten Formen absolut gesellschaftsfähig sind- gälte das gleiche…
Fazit: Solange klar ist, dass die Leute sich etwaiger gesundheitlicher Konsequenzen und möglicher Komplikationen voll bewusst und objektiv weder formal denkgestört noch sonstwie in ihrem Denken und dem Erfassen dieser Konsequenzen eingeschränkt sind (also dies im Psychiatrischen Sinne „wollen“) und die BM durch einen entsprechend geschulten Fachmann unter OP-Bedingungen durchgeführt wird, können die sich meinetwegen auch die Sehnerven verlängern und die Augäpfel an die Schläfen tackern lassen, wenn sie es schön finden…
So, viel gesagt und hoffentlich nicht nur gelabert…und hoffentlich Deine Frage halbwegs befriedigend beantwortet…
cd














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