Ein Lehrer bloggt über: Amok – Schule – Bildung – Pädagogik – Psychologie – Gewalt
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Soziale Netzwerke sind für “soziale Verlierer”
09. Jul
Gerade bei Banedon’s Cyber-Junk gefunden: Zukunftsforscher Matthias Horx sagt bei ORF-Futurezone:
Von Facebook wird in fünf bis sechs Jahren kein Mensch mehr reden”, so der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx. “Nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.
Ahja…das mit dem Zeigen der Unterhosen ist nicht unrichtig, wenn man sich mal ansieht, worüber auf Fakebook, Twitter und Wasauchimmer-VZ so gepostet wird…aber ob die Entwicklung SO weit geht…naja, warten wir es ab…aber gerade in Kontaktbörsen schwirren einem da noch andere Begriffe als “sozialer Verlierer” durch den Kopf…weiter sagt er:
“Es ist ein großer Irrtum, dass das Internet wahnsinnig schnell ist. In Wirklichkeit ist das Internet wahnsinnig langsam”, kritisierte Horx den gängigen Ruf des Internets als reine “Selbst-Propaganda”. Laut Horx leben erst 20 Prozent im “Internet-Zeitalter”. Die meisten Menschen gingen immer noch von ihrem Desktop-PC online und verwendeten keine mobilen Geräte. Bis das Internet als Hintergrundtechnologie für alle realisiert wird, dauert es laut Horx mindestens bis Mitte dieses Jahrhunderts.
Ganz ehrlich…ich gehöre zu diesen, weil ich schon bei der Einführung des Handys nicht verstanden habe, warum man immer und überall unbedingt erreichbar sein musste…früher gings auch mit Telefonzellen und Co. Und genausowenig verstehe ich, warum ich beim Kacken über meine Absonderungen Twittern können oder meine Mitmenchen mit Belanglosigkeiten wie “Bin gerade bei McDoof und esse einen Käseburger” zumüllen soll? Ich bin kein Technikfeind, nur Sinn muss es haben…Powerpoint und Beamer finde ich z.B. auch völlig überbewertet..eine Tafel und ein Stück Kreide bzw. ein OH-Projektor und diverse Stifte reichen mir immer noch für eine vernünftige Unterrichtsstunde…
Dabei ist übrigens Deutschland ja noch garnicht vollständig digital alphabetisiert…es sind ungefähr 72 Prozent der Deutschen online…reicht doch…
cd
ADHS und Ritalin 2
06. Jul
Im Verhaltensoriginell-Blog lese ich einen Eintrag, der mal wieder die ganze Bandbreite der Ritalin-Debatte zeigt. Offensichtlich hat sich der Wirkmechanismus von Methylphenidat immer noch nicht überall herumgesprochen, bzw. wird von RTL und Co. mit dem üblichen Sensationsjournalismus und seinen Horrorgeschichten überschrieben…
Stein des Anstoßes ist der Artikel “Studie: ADS/ADHS-Kinder sind mit Ritalin leistungsfähiger” beim Lehrerfreund. Der Lehrerfreund lässt sich leider in Bezug auf die aktuelle Studie zu der Wirksamkeit von Methylphenidat von Prof. Richard M. Scheffler von der University of California hinreißen. Er verfällt sofort in die Klischeeschiene, fordert unter Rückgriff auf Dr. Gumpert “alternative Heilmethoden” und unterstellt den eher Medikamente empfehlenden Scheffler natürlich sofort in die Ecke der Pharmalobby.
Das mit den alternativen Heilmethoden ist völliger Bullshit. Haben wir genuines AD(H)S, haben wir es mit einer hirnorganischen Störung zu tun, die zwar verhaltenstherapeutisch handhabbar gemacht werden kann, aber ohne Medikamente ziemlich fruchtlos bleibt. Der erste Kommentator des Beitrages schreibt direkt richtigerweise, dass Methylphenidat die Therapiefähigkeit erst einmal überhaupt herstellt. Natürlich bringt Ritalin nix, wenn die Diagnose nicht stimmt, aber das habe ich in einem anderen Artikel ja schon lang und breit erklärt…
Interessanter als die Artikel an sich sind aber die Kommentare. Eine Auswahl: Mehr >
Passiver Widerstand
30. Jun
Sehr schöne Aktion: In Riesa hat der NPD-nahe Verlag “Deutsche Stimme” seinen Sitz in der Mannheimer Straße. Die Stadt will nun diese Straße in Geschwister-Scholl-Straße umbenennen…subtil und sehr stylish
cd
Intelligenztest für Einwanderer
28. Jun
Das ist doch mal ein Vorstoß. Die Christlich-Debile Union fordern, dass die Intelligenz Kriterium für eine Einwanderung nach Deutschland werden muss, so SPIEGEL Online. Duckhome hat das schon entsprechend kommentiert.
Die Frage, die mich mehr bewegt ist: Kriegen wir im zweiten Schritt dann auch ein Gesetz, dass wir Bürger, die zu dumm sind, ausweisen dürfen, selbst wenn sie deutsche Staatsbürger sind? In einem gegenseitigen Abkommen mit den USA vielleicht? Die, die für die USA zu clever sind, kommen bei uns ohne Visum rein und dafür bekommen alle Vollpfosten in den USA eine Greencard und einen Posten im öffentlichen Dienst…das wärs doch…Krise gelöst…
cd
Margot Käßmann nackt ?!
27. Jun
Zu “Margot Käßmann nackt” gingen heute zwei Suchanfragen ein…das wird ja immer schlimmer…
Vielleicht hat die ja sogar eine Porno-Hotline…”Reife Frauen fahren Dich besoffen nach Hause! Ruf an! 01805-SCHROEDER
cd
Geballter Wahnsinn 8 – Krieg in der Alternaivmedizin
21. Jun
Der kleine Diskurs mit meinem neuen besten Freund hat mich mal wieder in die Szene der alternaiven Medizin reinschnuppern lassen. Heute im geballten Wahnsinn also die Highlights daraus:
Das Esoterik-kritische bis -feindliche Portal Esowatch sorgt in der Szene für deartigen Unmut, dass nun ein regelrechter Krieg ausgebrochen ist, in dem nach dem Notwehrparagraphen gerufen wird. Ebenfalls ins Visier der Bewegung ist die Skeptikervereinigung GWUP geraten, gegen die sich eine Front im Blog GWUP.WATCH bildet. Man versucht verzweifelt, die Hintermänner des anonym veröffentlichten Esowatch-Portales zu ermitteln, denen auch Kontakte zur Pharma-Lobby nachgesagt werden. Mal wird ein Kinderarzt vermutet, der durch seine IP ermittelt worden sein soll, ein anderer Sympathisant soll Prof. Dr. Ulrich Berger sein, genau wie Dr. med. Johannes Bühligen, der Server wird auf einem bekannten Pädophilie-Server in der Türkei gehostet und für die Ermittlung der Hintermänner werden 100.000 Euro ausgelobt. Auch die Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin e.V. wirft sich mit einer Linksammlung in den Ring, genau wie Live Net Concept 2010: “Was steckt hinter Esowatch?“. Auch seien Autoren von Esowatch bereits rechtskräftig wegen Verleumdung verurteilt worden. Auch Veganer sind nicht begeistert und bezeichnen Esowatch als “kriminelle Hetzer“. Ein Verfahren wurde angestrengt, das aber keinen Erfolg brachte. Einen Aufschrei verursachte auf der SPIEGEL, der sich in einem Artikel auf Esowatch berief.
Die Gegenseite ist auch nicht untätig: Das Blog KidMed berichtet z.B. über massive Drohungen und vermutet einen Herrn Claus Fritzsche hinter ProMedWatch. Auch die Homöopathie bekommt ihr Fett weg. Excanwahn steigt mit in die Diskussion ein. Esowatch selbst sagt, die Vorwürfe würden nicht stimmen. Mein Parteibuch berichtet über die Behauptung, Esowatch wäre eine Anlaufstelle für Rechtsradikale. Im Forum von weltverschwörung.de amüsiert man sich über die Gründung des “Vereins der Esowatch-Geschädigten” und bezeichnet Esowatch als “Stachel im Fleisch der Leutbetrüger und Quacksalber”. Kurzzeitig wurde eine Abschaltung der Nameserver diverser Gegner erwirkt, die aber nicht lange hielt…
Herrlich, einfach mit ner Tüte Popcorn danebensetzen und zuschauen..
cd
Qualitätscontent: Grundlagenwerke zur Psychoanalyse
20. Jun
So, da ich im Moment wieder eine Liste für Seminarliteratur zusammenstelle, heute mal wieder etwas ernstgemeinter Content, und zwar einige sehr empfehlenswerte Werke für Anfänger in der Pschoanalyse:
1. J. Laplanche / J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1973
Für Anfänger in der Materie ein unverzichtbares Werk, das auch sehr günstig zu haben ist. Mit vielen Literaturverweisen erklärt “Der Laplanche-Pontalis” alle wichtigen Begriffe der Psychoanalyse von “Abarbeitungsmechanismen” bis “Zwangsneurose”.
2. Freud, Sigmund: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, aus “Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, Erstveröffentlichung London (Imago Publishing Co.) 1940, mittlerweile ist Freuds Gesamtwerk im Projekt Gutenberg kostenlos als Download oder gegen geringe Gebühr als CD-ROM erhältlich
In diesem Werk erklärt Freud sein Strukturmodell der menschlichen Psyche aus ICH, ES und Über-ICH
3. Kohut, Heinz: Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1976
Kohut entwickelte die ICH-Psychologie Sigmund Freuds weiter, prägte den Begriff des “Selbst” und begründete darauf seine eigene Richtung der Selbstpsychologie inklusive einer Weiterentwicklung von Freuds Narzißmustheorie.
4. Kohut, Heinz: Die Heilung des Selbst, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 9. Aufl. 1981
In diesem Werk arbeitet Kohut seine Selbstpsychologie weiter aus und erklärt ihre Zusammenhänge.
5. Kernberg, Otto F.: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1983
Objekttheoretiker Otto F. Kernberg erklärt hier seine Weiterentwicklung der Narzißmustheorie und die Überarbeitung des Konzeptes der Borderline-Störung. Da Kernberg die letztere als Kontinuum sieht, verwendet er den Plural.
6. Kernberg, Otto F.: Objektbeziehungen und Praxis der Psychoanalyse, Klett-Cotta 6. Aufl. 1992
In diesem Werk breitet Kernberg seine Theorie der Objektbeziehungen nochmals etwas weiter aus und bezieht sie auf ihre praktische Umsetzung
Zwar war Goffman kein Psychoanalytiker, sondern Soziologe, doch zähle ich dieses Werk zu den unverzichtbaren Grundlagenwerken für die Psychoanalyse, da Goffman sich hier mit dem Begriff des Stigmas und dem Selbsterleben psychisch Kranker als “beschämende Andersartigkeit” auseinandersetzt.
An dieser Stelle ist Stavros Mentzos als weiterer großer Denker der Psychoanalyse einzuführen. Auch er entwickelte den Neurosenbegriff, den Narzissmusbegrif und andere Theorien Freuds weiter. In diesem Werk gibt er eine sehr gute Einführung zu neurotischen Mustern, die aber erst nach der Lektüre der vorherigen Werke gelesen werden sollte, da Mentzos teilweise seine eigene, weiterentwickelte Begrifflichkeit verwendet, die sich teilweise ein großes Stück von den ursprünglichen Begrifssbedeutungen der Freudianischen Psychoanalyse unterscheidet.
In diesem Werk arbeitet Mentzos seine Theorien weiter aus und benutzt das sehr anschauliche “Bankkontenmodell” und das Modell der “narzisstischen Homöostase”, welche beide durch ihre graphische Darstellung sehr einleuchtend sind.
Weiterführendes:
1. Adler, Alfred: Menschenkenntnis, Frankfurt a.M. (Fischer) 1966
Der “ehemalige Psychoanalytiker Alfred Adler”, wie Freud ihn nach dem Bruch mit ihm bezeichnete spaltete sich im Streit von Freuds Mittwochsgesellschaft ab und suchte einen eigenen Weg in die Psychoanalyse. In diesem Werk erklärt er sein Verständnis der Zusammenhänge der menschlichen Psyche.
2. Adler, Alfred: Neurosen. Fallgeaschichten, Frankfurt a.M. (Fischer) 1981
Wer sich in Adlers Theorien weiter hineinlesen möchte, findet hier ein leicht zu lesendes Werk, das einige seiner interessantesten Fälle vorstellt.
Menschen, die sich fragen, warum die 68er-Bewegung und alt-68er die klassische Psychoanalyse als Kontrollmechanismus des Establishments ablehnen bis hassen, findet hier den historischen Abriss der Hintergründe und den Versuch einer Versöhnung mit den marxistischen Idealen.
Für Streber:
Lacan, Jacques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, in: Schriften Bd. I, Berlin (Quadriga) 4. Aufl. 1991
Der härteste Stoff, den die Psychoanalyse zu bieten hat: Jacques Lacan. Genial, aber selbst derartig narzisstisch, dass seine Texte durch seine geliebten Wortspielereien fast unlesbar sind, wenn man nicht über ein fundiertes Wissen psychoanalytischer Zusammenhänge verfügt. Absoluter Irrsinn für Menschen, die kein Leben haben. Wem das nicht reicht und über die nötigen Französischkenntnisse verfügt (der fürchterliche Schreibstil ist der Grund, warum sein Werk bis heute nicht vollständig übersetzt ist): Le “je” n’est pas le “moi”. Viel Spaß beim Grübeln
Die Liste ist als Einführung gedacht, darum tauchen Jung, Anna Freud, Mitscherlich, Horney etc. nicht auf…die wird der geneigte Leser sich dann selbst erschließen..
cd
Etwas Rechtsphilosophie
17. Jun
Ich verneine ja gerne meine philosophische Seite, da ich nach dem Studium der Philosophie nur in der Erkenntnis bestärkt war, dass sie wirklich zu gar nichts gut ist, außer für sich selbst…aber vorhin finde ich einen sehr interessanten Artikel bei weissgarnix: Schuld – eine soziale Konstruktion.
Kern des Artikels ist eine Reaktion auf den ehemaligen Verfassungsrichter Winfried Hassemer, der in der FAZ unter “Haltet den geborenen Dieb” die aktuellen Erkenntnisse der Neurobiologie bezüglich des freien Willens in ihrer Konsequenz diskutiert. Lesenswert. Kernaussage ist, dass der Schuldbegriff eine soziale Konstruktion ist, die nicht unbedingt auf rationaler Logik beruht, aber für den Zusammenhalt der Gesellschaft unbedingt notwendig ist.
cd
EDIT: Eine schöne Reaktion auf den Artikel bei Differentia: Hirnbiologie, Robotik und Recht – Zur Zerrüttung sozialer Konstruktionen
Bauchnabelflusen zur Erhöhung der Besucherzahlen
16. Jun
Auch schön: Ein Artikel, der versucht, die verlorenen Besucher, die man durch die Bezeichnung “pickelnarbige Krawallschwuchtel” für Schwesterwelle verloren hat, durch das Zurschaustellen der eigenen Bauchnabelflusen wiederzugewinnen…schöne Darstellung der Unterschiede zwischen konvexen und konkaven Bauchnabeln übrigens…aber ansonsten…bizarr…
cd
Psychologie: Autismus und Asperger
05. Jun
Durch einen call for bloggers auf der special-needs Webseite www.able2able.com habe ich vor kurzem einen englischen Artikel zum Thema “Autismus und Asperger” veröffentlicht. Für die, die des Englischen nicht mächtig sind, heute die deutsche Übersetzung:
Weil ich seit längerer Zeit keinen ernsthaften Artikel mehr verfasst habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen und einen solchen aus der psychologischen Perspektive, statt aus der Sicht eines Elternteils oder eines Betroffenen verfassen. Meine Ratschläge an Eltern, die vor kurzem die Diagnose für ihr Kind bekommen haben:
1. Vor allem: Stellen Sie sicher, dass die Diagnose wasserdicht ist! Trauen Sie keinen Vermutungen oder dem Bauchgefühl eines Allgemeinmediziners (das ist keine Abneigung gegen Generalisten, sondern lediglich das Credo, dass jede Diagnose von einem Spezialisten verifiziert werden sollte). Wie für jede andere Störung definiert das “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Revision IV (DSM-IV)” der American Psychiatric Association zusammen mit der “International Classification of Diseases, Revision 10 (ICD-10)” genaue Diagnosekriterien für Autismus und Asperger und es gibt eine Reihe standardisierter Tests, die von qualifizierten Psychiatern (am besten ein Kinderpsychiater), klinischen Psychologen und (psychologischen) Psychotherapeuten, zusammen mit neurologischen Diagnoseverfahren durchgeführt werden können, um die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Störung zu ermitteln. Die Dauer des Tests hängt vom individuellen Fall ab. Größere Kliniken bieten zur Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mutter-Kind-Zimmer oder Eltern-Kind-Zimmer an, sodass ein oder beide Elternteile während der Dauer des Aufenthaltes ständig bei ihrem Kind sein können.
2. Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wenn die Diagnose von einem Experten bestätigt ist, müssten Sie über die Art der Störung (Autismus, Asperger) und das Ausmaß der Störung (z.B. auf der Autismus-Skala) sowie Therapiemöglichkeiten, die dazu dienen, die Fähigkeiten Ihres Kindes zu verbessen, aufgeklärt worden sein. Suchen Sie nicht nach “Normalität”, die es ohnehin niemals gibt, sondern streben Sie nach individueller Verbesserung, nach den individuellen Fähigkeiten ihres Kindes. Und behalten Sie im Hinterkopf, dass die Entwicklung eines Kindes sehr schwer vorauszusagen ist. Während in den meisten Fällen von Asperger ein hoher Grad an Funktionalität bezogen auf soziale Interaktion, Lernen und Erziehung, Berufsausbildung, Arbeitsleben etc. erreicht werden kann, werden schwerere Fälle aus dem Autismus-Spektrum ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein. So zynisch wie es auch klingt – Sie werden nicht ewig leben! Ziel sollte also nicht sein, so lange wie möglich für Ihr Kind da zu sein, sondern ihm von Anfang an zu helfen, ein innerhalb der Grenzen der Störung autonomes Leben zu führen.
3. Lernen Sie, auf der digitalen, statt der analogen Ebene zu kommunizieren. Der Unterschied zwischen analoger und digitaler Kommunikation ist eine Differenzierung des Psychologen Paul Watzlawick. Die digitale Kommunikation einer Aussage bezeichnet die Sachebene der Nachricht, während die analoge Kommunikation den Kontext, sowie Mimik, Tonfall und Körpersprache umfasst, also die Nachricht “zwischen den Zeilen”. Jede gesprochene Aussage kann man als sogenannten Sprechakt interpretieren, der sich in seiner Bedeutung vom semantisch Gesagten unterscheiden, oder ihm sogar entgegengesetzt sein kann. Sie können beispielsweise eine Person direkt bitten, das Fenster zu schließen oder die Heizung höher zu drehen, oder aber Sie sagen nur “Mir ist kalt!” Auf der digitalen Ebene ist diese Aussage eine reine Zustandsbeschreibung, während sie auf der analogen Ebene als Aufforderung, diesen Zustand zu ändern verstanden wird. Andere Sprechakte haben überhaupt keine digitale Bedeutung, sondern dienen rein als soziale Geste. Sie sagen beispielsweise als Gruß “Guten Morgen” oder “Guten Tag”, auch wenn es Sie überhaupt nicht interessiert, wie der Morgen oder der Tag des Anderen ist. Es ist ein reines soziales Ritual ohne echte Inhaltsebene.
Ein häufiges Symptom bei Autismus und Asperger ist der sogenannte “Literalismus”. Dieser beschreibt Schwierigkeiten oder totale Unfähigkeit, auf der analogen Ebene kommunizieren zu können und somit die Unfähigkeit, Sprechakte, die ihre Bedeutung durch soziokulturellen Kontext bekommen, zu verstehen. Ein Mensch mit Autismus oder Asperger wird eine Aussage fast immer wörtlich nehmen, somit zielt ein großer Teil der Therapie auf das Vermitteln der tieferen Bedeutung bestimmter Aussagen, um die sozialen Kompetenzen des Patienten zu verbessern. Das gleiche gilt für Körpersprache und Mimik. Autisten und Asperger-Patienten haben teils große Schwierigkeiten, Gesichtsausdrücke zu deuten und ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet werden immer begrenzt bleiben. Während Menschen ohne Autismus oder Asperger diese Dinge im Sozialisationsprozess durch mimetische Prozesse verinnerlicht haben, müssen Kinder mit Autismus oder Asperger Dinge, die für uns “normal” oder “sozial akzeptables Verhalten” sind, durch Erklärung erlernen. Dieses Symptom ist eines der schwierigeren, da Defizite auf der analogen Ebene oft als “Unerzogenheit”, Unhöflichkeit oder gar als Feindseligkeit interpretiert werden, vor allem von Kindern. Daher:
4. Behalten Sie die Beherrschung! Wenn Ihr Kind unerwünschte Reaktionen zeigt, liegt dies meist daran, dass es Ihre Nachricht nicht verstanden hat. Nicht auf ein “guten Morgen” zu reagieren ist keine Unhöflichkeit oder Feindseligkeit – das Kind mit Autismus oder Asperger versteht schlichtweg nicht, warum es auf eine bloße Zustandsbeschreibung, wie Sie Ihren Morgen finden, reagieren soll. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind auf nonverbale Signale oder Gesichtsausdrücke entsprechend reagiert. Sagen Sie lieber “das macht mich ärgerlich”, anstatt nur ein verärgertes Gesicht aufzusetzen. Stellen Sie direkt formulierte Fragen (“Wie geht es Dir?” statt “guten Morgen”). Verwenden Sie keinen Sarkasmus, keine Ironie und keinen Zynismus. Diese Stilmittel stellen ein autistisches oder Asperger-Kind vor eine unlösbare Aufgabe. Verstehen Sie Kommunikationsverweigerung nicht als Ablehnung! Je nach Schweregrad der Störung möchte Ihr Kind vielleicht überhaupt nicht mit ihnen kommunizieren, möchte von Ihnen nicht berührt werden oder möchte nicht einmal, dass Sie in seiner Nähe sind. Akzeptieren Sie das ohne sich abgelehnt zu fühlen. Einem autistischen Kind ist die analoge Bedeutung einer solchen Geste schlichtweg nicht bewusst.
5. Nichts erzwingen! Eine verbreitete Therapiemethode für autistische Kinder war früher die Festhaltetherapie nach Dr. Jirina Prekop. Die Grundidee hinter der “haltenden Umarmung” war, dass man Kinder an physischen Kontakt gewöhnen konnte, hielt man sie so lange (gezwungen!) fest, bis sie aufhörten, sich zu wehren. Diese Methode wird heutzutage (außer von einigen Hardlinern der Prekop’schen Lehre) nicht mehr angewendet, da sich das Verständnis des Autismus grundlegend verändert hat. Die aktuellen Modelle gehen davon aus, dass diese Form der Therapie den Kindern mitnichten beibringt, physischen Kontakt zu “mögen”, sondern nur, ihn zu ertragen und wird deshalb als unethisch betrachtet. In Deutschland hat es bereits einige erfolgreiche Klagen gegen Erzieher und Therapeuten gegeben, die diese Methode noch anwenden. Es gibt Patienten, die physischen Kontakt nach einer Weile tolerieren, während andere dies niemals erlauben. Es gibt keine wirkliche Methode, dies zu ändern und die Toleranz variiert von Fall zu Fall.
Akzeptieren Sie, dass Autisten und Asperger-Patienten in einem hohen Maße in ihrer eigenen Welt leben. Es gibt keine Möglichkeit, sie dort heraus zu zerren. Die einzige Möglichkeit ist, ihr Vertauen soweit zu gewinnen, dass sie zulassen, Sie in ihre zu lassen. Und es ist ihre Entscheidung, welchen Stellenwert Sie in ihrer Welt haben. Wie ich bereits sagte: Nehmen Sie dies nicht als Affront oder Ablehnung- das ist die Art, wie ein Autist seine Welt interpretiert.
6. Es wird sich nicht “rauswachsen”. Bestimmte Persönlichkeitsstörungen haben, wie beispielsweise einige Formen der Borderline-Persönlichkeitsstörungen, die Tendenz, mit zunehmendem Alter “auszubrennen”. Dies trifft aber nicht auf Störungen aus dem Autismus-Spektrum und Asperger zu. Es gibt Raum für Verbesserungen, aber abhängig vom Schweregrad der Störung werden bestimmte Symptome mehr oder weniger so bleiben wie sie sind. “Hochfunktionale” Autisten und Asperger-Patienten können zu einem hohen Grad erlernen, sich in die Gesellschaft einzufügen, aber auch dies ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt keine regelrechte “Heilung”, da Autismus und Asperger Störungen sind, keine “Krankheiten”.
7. Halten Sie sich fern von klinischer Literatur und der Wikipedia! Einer der häuftigsten Effekte, die wir bei Laien beobachtet haben, wenn sie mit klinischer Literatur und anderen mehr oder weniger zuverlässigen Quellen konfrontiert werden, ist, dass Laien durchaus die statistische Information aus diesen Quellen zusammen mit den Prognosen verstehen können, aber haben (aus Mangel an klinischer Erfahrung) keine Referenz, wie wahrscheinlich die Dinge eintreten werden, über die sie gelesen haben. Normalerweise führt klinische Literatur ohne einschlägige Vorbildung eher zu mehr Unsicherheit als Sicherheit. Statistische Daten, die Sie nicht vollständig interpretieren können, werden Ihnen ehrer Angst machen, als Ihnen zu helfen. Wenn Sie Fragen zu Ihrem Kind haben, stellen Sie sie einem Fachmann, der diese dann anhand der individuellen Struktur Ihres Kindes beantworten wird. Ich werde Ihnen hier keine Zahlen oder Tabellen an die Hand geben, denn in der klinischen Realität hat alles eine Wahrscheinlichkeit von 50% – es trifft entweder zu, oder eben nicht. Prozentzahlen über die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind Symptom X oder Y entwickeln wird werden Ihnen nicht helfen, denn entweder hat Ihr Kind Symptom X oder Y, oder nicht…
Eine andere “Nebenwirkung” klinischer Literatur, die auch bei Studenten und oft bei ausgewachsenen Klinikern zu beobachten ist, ist das Problem der Projektion. Wenn Sie von Symptom X lesen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dieses Symptom auch an Ihrem Kind entdecken werden – nicht weil es wirklich da ist, sondern weil das Lesen Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Detail gelenkt hat…der alte Spruch lautet da: Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus…
Die bessere Herangehensweise ist: Beobachten Sie und wenn Sie etwas “komisch” finden, DANN fragen Sie nach…lernen Sie keine Seiten aus dem ICD oder DSM auswendig…Sie werden doch nur Gespenster sehen…
Ok, so viel im Moment zu diesem Thema..ich hoffe, einige Dinge sind hilfreich.
cd














