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Diagnostik » Die ganze Welt des Wahnsinns

Beiträge mit tag "Diagnostik

Auf allen Vieren durch die Anamnese

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In Doctors Blog stoße ich gerade auf ein höchst interessantes Angebot des New England Journal of Medicine: Stalking the Diagnosis
Dort kann man (auf Englisch) ein Spiel gegen virtuelle, aber menschliche Kollegen spielen. Die “Interactive Medical Cases”. Es wird ein Patient vorgestellt und man muss entsprechend handeln und Behandlungen anordnen. Wer also immer schonmal Dr. Hous spielen wollte, ohne dabei seine Station signifikant zu entvölkern, der kann sich hier austoben. Allgemeinmedizin ist zwar nicht mein Feld, aber ich werde versuchen, mit dem Karzinom der Patientin so lange über seine Mutter zu reden, bis es freiwillig suizidiert…

cd

Psychologie: Autismus und Asperger

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Durch einen call for bloggers auf der special-needs Webseite www.able2able.com habe ich vor kurzem einen englischen Artikel zum Thema “Autismus und Asperger” veröffentlicht. Für die, die des Englischen nicht mächtig sind, heute die deutsche Übersetzung:

Weil ich seit längerer Zeit keinen ernsthaften Artikel mehr verfasst habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen und einen solchen aus der psychologischen Perspektive, statt aus der Sicht eines Elternteils oder eines Betroffenen verfassen. Meine Ratschläge an Eltern, die vor kurzem die Diagnose für ihr Kind bekommen haben:

1. Vor allem: Stellen Sie sicher, dass die Diagnose wasserdicht ist! Trauen Sie keinen Vermutungen oder dem Bauchgefühl eines Allgemeinmediziners (das ist keine Abneigung gegen Generalisten, sondern lediglich das Credo, dass jede Diagnose von einem Spezialisten verifiziert werden sollte). Wie für jede andere Störung definiert das “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Revision IV (DSM-IV)” der American Psychiatric Association zusammen mit der “International Classification of Diseases, Revision 10 (ICD-10)” genaue Diagnosekriterien für Autismus und Asperger und es gibt eine Reihe standardisierter Tests, die von qualifizierten Psychiatern (am besten ein Kinderpsychiater), klinischen Psychologen und (psychologischen) Psychotherapeuten, zusammen mit neurologischen Diagnoseverfahren durchgeführt werden können, um die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Störung zu ermitteln. Die Dauer des Tests hängt vom individuellen Fall ab. Größere Kliniken bieten zur Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mutter-Kind-Zimmer oder Eltern-Kind-Zimmer an, sodass ein oder beide Elternteile während der Dauer des Aufenthaltes ständig bei ihrem Kind sein können.

2. Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wenn die Diagnose von einem Experten bestätigt ist, müssten Sie über die Art der Störung (Autismus, Asperger) und das Ausmaß der Störung (z.B. auf der Autismus-Skala) sowie Therapiemöglichkeiten, die dazu dienen, die Fähigkeiten Ihres Kindes zu verbessen, aufgeklärt worden sein. Suchen Sie nicht nach “Normalität”, die es ohnehin niemals gibt, sondern streben Sie nach individueller Verbesserung, nach den individuellen Fähigkeiten ihres Kindes. Und behalten Sie im Hinterkopf, dass die Entwicklung eines Kindes sehr schwer vorauszusagen ist. Während in den meisten Fällen von Asperger ein hoher Grad an Funktionalität bezogen auf soziale Interaktion, Lernen und Erziehung, Berufsausbildung, Arbeitsleben etc. erreicht werden kann, werden schwerere Fälle aus dem Autismus-Spektrum ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein. So zynisch wie es auch klingt – Sie werden nicht ewig leben! Ziel sollte also nicht sein, so lange wie möglich für Ihr Kind da zu sein, sondern ihm von Anfang an zu helfen, ein innerhalb der Grenzen der Störung autonomes Leben zu führen.

3. Lernen Sie, auf der digitalen, statt der analogen Ebene zu kommunizieren. Der Unterschied zwischen analoger und digitaler Kommunikation ist eine Differenzierung des Psychologen Paul Watzlawick. Die digitale Kommunikation einer Aussage bezeichnet die Sachebene der Nachricht, während die analoge Kommunikation den Kontext, sowie Mimik, Tonfall und Körpersprache umfasst, also die Nachricht “zwischen den Zeilen”. Jede gesprochene Aussage kann man als sogenannten Sprechakt interpretieren, der sich in seiner Bedeutung vom semantisch Gesagten unterscheiden, oder ihm sogar entgegengesetzt sein kann. Sie können beispielsweise eine Person direkt bitten, das Fenster zu schließen oder die Heizung höher zu drehen, oder aber Sie sagen nur “Mir ist kalt!” Auf der digitalen Ebene ist diese Aussage eine reine Zustandsbeschreibung, während sie auf der analogen Ebene als Aufforderung, diesen Zustand zu ändern verstanden wird. Andere Sprechakte haben überhaupt keine digitale Bedeutung, sondern dienen rein als soziale Geste. Sie sagen beispielsweise als Gruß “Guten Morgen” oder “Guten Tag”, auch wenn es Sie überhaupt nicht interessiert, wie der Morgen oder der Tag des Anderen ist. Es ist ein reines soziales Ritual ohne echte Inhaltsebene.
Ein häufiges Symptom bei Autismus und Asperger ist der sogenannte “Literalismus”. Dieser beschreibt Schwierigkeiten oder totale Unfähigkeit, auf der analogen Ebene kommunizieren zu können und somit die Unfähigkeit, Sprechakte, die ihre Bedeutung durch soziokulturellen Kontext bekommen, zu verstehen. Ein Mensch mit Autismus oder Asperger wird eine Aussage fast immer wörtlich nehmen, somit zielt ein großer Teil der Therapie auf das Vermitteln der tieferen Bedeutung bestimmter Aussagen, um die sozialen Kompetenzen des Patienten zu verbessern. Das gleiche gilt für Körpersprache und Mimik. Autisten und Asperger-Patienten haben teils große Schwierigkeiten, Gesichtsausdrücke zu deuten und ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet werden immer begrenzt bleiben. Während Menschen ohne Autismus oder Asperger diese Dinge im Sozialisationsprozess durch mimetische Prozesse verinnerlicht haben, müssen Kinder mit Autismus oder Asperger Dinge, die für uns “normal” oder “sozial akzeptables Verhalten” sind, durch Erklärung erlernen. Dieses Symptom ist eines der schwierigeren, da Defizite auf der analogen Ebene oft als “Unerzogenheit”, Unhöflichkeit oder gar als Feindseligkeit interpretiert werden, vor allem von Kindern. Daher:

4. Behalten Sie die Beherrschung! Wenn Ihr Kind unerwünschte Reaktionen zeigt, liegt dies meist daran, dass es Ihre Nachricht nicht verstanden hat. Nicht auf ein “guten Morgen” zu reagieren ist keine Unhöflichkeit oder Feindseligkeit – das Kind mit Autismus oder Asperger versteht schlichtweg nicht, warum es auf eine bloße Zustandsbeschreibung, wie Sie Ihren Morgen finden, reagieren soll. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind auf nonverbale Signale oder Gesichtsausdrücke entsprechend reagiert. Sagen Sie lieber “das macht mich ärgerlich”, anstatt nur ein verärgertes Gesicht aufzusetzen. Stellen Sie direkt formulierte Fragen (“Wie geht es Dir?” statt “guten Morgen”). Verwenden Sie keinen Sarkasmus, keine Ironie und keinen Zynismus. Diese Stilmittel stellen ein autistisches oder Asperger-Kind vor eine unlösbare Aufgabe. Verstehen Sie Kommunikationsverweigerung nicht als Ablehnung! Je nach Schweregrad der Störung möchte Ihr Kind vielleicht überhaupt nicht mit ihnen kommunizieren, möchte von Ihnen nicht berührt werden oder möchte nicht einmal, dass Sie in seiner Nähe sind. Akzeptieren Sie das ohne sich abgelehnt zu fühlen. Einem autistischen Kind ist die analoge Bedeutung einer solchen Geste schlichtweg nicht bewusst.

5. Nichts erzwingen! Eine verbreitete Therapiemethode für autistische Kinder war früher die Festhaltetherapie nach Dr. Jirina Prekop. Die Grundidee hinter der “haltenden Umarmung” war, dass man Kinder an physischen Kontakt gewöhnen konnte, hielt man sie so lange (gezwungen!) fest, bis sie aufhörten, sich zu wehren. Diese Methode wird heutzutage (außer von einigen Hardlinern der Prekop’schen Lehre) nicht mehr angewendet, da sich das Verständnis des Autismus grundlegend verändert hat. Die aktuellen Modelle gehen davon aus, dass diese Form der Therapie den Kindern mitnichten beibringt, physischen Kontakt zu “mögen”, sondern nur, ihn zu ertragen und wird deshalb als unethisch betrachtet. In Deutschland hat es bereits einige erfolgreiche Klagen gegen Erzieher und Therapeuten gegeben, die diese Methode noch anwenden. Es gibt Patienten, die physischen Kontakt nach einer Weile tolerieren, während andere dies niemals erlauben. Es gibt keine wirkliche Methode, dies zu ändern und die Toleranz variiert von Fall zu Fall.
Akzeptieren Sie, dass Autisten und Asperger-Patienten in einem hohen Maße in ihrer eigenen Welt leben. Es gibt keine Möglichkeit, sie dort heraus zu zerren. Die einzige Möglichkeit ist, ihr Vertauen soweit zu gewinnen, dass sie zulassen, Sie in ihre zu lassen. Und es ist ihre Entscheidung, welchen Stellenwert Sie in ihrer Welt haben. Wie ich bereits sagte: Nehmen Sie dies nicht als Affront oder Ablehnung- das ist die Art, wie ein Autist seine Welt interpretiert.

6. Es wird sich nicht “rauswachsen”. Bestimmte Persönlichkeitsstörungen haben, wie beispielsweise einige Formen der Borderline-Persönlichkeitsstörungen, die Tendenz, mit zunehmendem Alter “auszubrennen”. Dies trifft aber nicht auf Störungen aus dem Autismus-Spektrum und Asperger zu. Es gibt Raum für Verbesserungen, aber abhängig vom Schweregrad der Störung werden bestimmte Symptome mehr oder weniger so bleiben wie sie sind. “Hochfunktionale” Autisten und Asperger-Patienten können zu einem hohen Grad erlernen, sich in die Gesellschaft einzufügen, aber auch dies ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt keine regelrechte “Heilung”, da Autismus und Asperger Störungen sind, keine “Krankheiten”.

7. Halten Sie sich fern von klinischer Literatur und der Wikipedia! Einer der häuftigsten Effekte, die wir bei Laien beobachtet haben, wenn sie mit klinischer Literatur und anderen mehr oder weniger zuverlässigen Quellen konfrontiert werden, ist, dass Laien durchaus die statistische Information aus diesen Quellen zusammen mit den Prognosen verstehen können, aber haben (aus Mangel an klinischer Erfahrung) keine Referenz, wie wahrscheinlich die Dinge eintreten werden, über die sie gelesen haben. Normalerweise führt klinische Literatur ohne einschlägige Vorbildung eher zu mehr Unsicherheit als Sicherheit. Statistische Daten, die Sie nicht vollständig interpretieren können, werden Ihnen ehrer Angst machen, als Ihnen zu helfen. Wenn Sie Fragen zu Ihrem Kind haben, stellen Sie sie einem Fachmann, der diese dann anhand der individuellen Struktur Ihres Kindes beantworten wird. Ich werde Ihnen hier keine Zahlen oder Tabellen an die Hand geben, denn in der klinischen Realität hat alles eine Wahrscheinlichkeit von 50% – es trifft entweder zu, oder eben nicht. Prozentzahlen über die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind Symptom X oder Y entwickeln wird werden Ihnen nicht helfen, denn entweder hat Ihr Kind Symptom X oder Y, oder nicht…
Eine andere “Nebenwirkung” klinischer Literatur, die auch bei Studenten und oft bei ausgewachsenen Klinikern zu beobachten ist, ist das Problem der Projektion. Wenn Sie von Symptom X lesen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dieses Symptom auch an Ihrem Kind entdecken werden – nicht weil es wirklich da ist, sondern weil das Lesen Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Detail gelenkt hat…der alte Spruch lautet da: Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus…
Die bessere Herangehensweise ist: Beobachten Sie und wenn Sie etwas “komisch” finden, DANN fragen Sie nach…lernen Sie keine Seiten aus dem ICD oder DSM auswendig…Sie werden doch nur Gespenster sehen…

Ok, so viel im Moment zu diesem Thema..ich hoffe, einige Dinge sind hilfreich.

cd

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Revolutionäre Behandlungsmethode bei AD(H)S: Erziehung statt Ritalin

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Oha! Wenn man einiges an Forschungsgeldern raushaut, bekommt man auch revolutionär neue Ergebnisse…so geschehen in Nottingham, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet.

Eine Gruppe von AD(H)S Kindern mussten bei einem simplen Computerspielen beim Erscheinen eines grünen Aliens auf dem Bildschirm auf einen Knopf drücken, bei einem schwarzen Alien nicht. Die Kontrollgruppe bekam Ritalin, bei der Experimentalgruppe wurde auf das Medikament verzichtet, im Erziehungsstil aber Erfolge sofort und konsequent belohnt, Fehler sofort und konsequent sanktioniert. Resultat: Die Experimentalgruppe schnitt im Ergebnis fast so gut die die Kontrollgruppe ab…das EEG lieferte die Bestätigung, dass die Kinder der Experimentalgruppe ähnlich erhöhte Aufmerksamkeit zeigen, wie die Kinder auf Ritalin.

Interessant finde ich, dass dies als so bahnbrechende Neuerung gefeatured wird…dass Kinder näher an Pawlow als an Freud sind, sollte hinlänglich bekannt sein. Im Unterricht macht man das in den untersten Klassen jeden Tag. Dann vergrößert man die Intervalle, um eigenmotiviertes Lernen zu trainieren. In der Didaktik ist das als “intermittierendes Modell” bekannt und der Grund, warum man in der 5 so viele und in der 13 kaum noch Arbeiten schreibt. Ich bleibe bei der These, die ich letztens beschrieben habe: Lasst Eure Kinder von einem Neurologen oder Kinderpsychiater untersuchen…
Gut, wir haben nun erwiesen, dass das Belohnungssystem bei AD(H)S-Kindern funktioniert…aber die klassische Konditionierung der Kinder findet da ihre Grenzen, wo sie die Schule, eben durch besagtes intermittierendes Modell, sie überholt und ich immer mehr zum operanten Konditionieren übergehen muss…spätestens dann wird bei echtem AD(H)S wohl doch Ritalin fällig sein…ich halte aus dem Bauch heraus die Methode sogar für schlechter, da im Rahmen Schule die Bedingung, dass gute Leistung sofort belohnt wird, aufgrund der Schülerzahl fatisch nicht hinzubekommen ist…gewöhnen sich die Kinder durch diese Erziehungsform daran, gibts spätestens in den höheren Klassen ein Problem, wenn ich den Schüler X heute mal nicht so würdigen kann, wie er es gerne hätte…naja, schauen wir mal…ich hätte gerne noch eine zweite Experimentalgruppe, die Haldol statt Ritalin bekommt…rein interessehalber…

cd

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Pädagogisch-/Psychologischer Grabenkampf

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Oha, nun habe ich mich in die Nesseln gesetzt.
Ich habe vor langer Zeit in diesem Eintrag über das PädBlog von Silvio Ströver gelästert. Heute finde ich nun zwei Kommentare von ebendiesem:

1. „Na, was soll das denn heißen???“
2. „Zumindest würde es hilfreich sein, ein paar (konkrete) Anhaltspunkte zu haben… danke.“

Nach kurzem Mailverkehr sagte Silvio, er sei gespannt auf meine Ausführungen, egal wie sie ausfielen….nun denn…

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit diesem Blog keinesfalls den Anspruch von Professionalität hege…es ist für mich mehr Ventil für einen Gedankenstrom bezüglich Bildungsthemen in sehr allgemeinem Rahmen, den ich so ungefiltert an anderer „professioneller“ Stelle nicht darstellen kann…ich trenne also auf meiner Homepage strikt Professionalität und Privates, daher findet man den Link zu diesem Blog auch im Alice-Bereich und nicht in meiner hauptberuflichen Homepage, um diese Differenzierung eben klarzumachen..
Die professionelle Spielwiese habe ich an anderer Stelle…im Hörsaal, in Forschungsprojekten und im Unterricht ganz allgemein…

Ich habe Silvio in meiner zweiten Mail direkt geschrieben, dass es vermutlich auf einen ideologischen Grabenkampf hinauslaufen wird, da er in Dortmund den Diplomstudiengang studiert hat, während ich in Essen zunächst den Lehramtsstudiengang als „Nebenfachpädagoge“ ertragen durchlaufen habe und erst spät im FB EW untergekommen und dort meinen wissenschaftlichen Frieden gefunden habe…ein Schulenstreit also…aber schauen wir, ob es fruchtbar wird..

1. Ich habe ein „besonderes“ Verhältnis zu Diplom-EWlern…
Dieses rührt aus meiner Zeit in der AG Jugendforschung her, in der ich unter anderem auch Diplomer unterrichtet habe…der Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft (zumindest der in Essener Tradition, in Dortmund wird dies aber ähnlich sein) dem Ruf der nach-68er nach einer Interdisziplinarität der Erziehungswissenschaft. Er entstand hier an der alten PH an der Henri-Dunant-Straße in der Tradition von Fritz Bohnsack, Wolfgang Klafki u.a., teilweise auch als Politikum…mit der entsprechend linkslastigen Grundideologie, der stalinistisch-kommunistischen Psychoanalysefeindlichkeit (obwohl es auch psychoanalytisch fundierte Erziehungswissenschaftler gab, die aber in den Grabenkämpfen untergingen…aber das ist eine andere Geschichte…), aber zumindest den Grundlagen eines Rundumblickes über den Tellerrand hinaus mit quantitativer und qualitativer Methotik etc…das Resultat in der Moderne ist für mich aber ein -entschuldige- „Gas-Wasser-Scheisse“ Studiengang, wie man im Ruhrpott sagt und meine Beobachtungenin der Zeit der Lehre ist, dass die Diplomer alles mal gesehen haben, aber effektiv nichts wirklich können…das zeigt auch die Realität der momentanen Jobchancen für Diplompädagogen, welche nicht zuletzt, auch im Rahmen der Einführung des neuen Hochschulrahmengesetzes in NRW zur vollständigen Abschaffung des Studienganges an den Standorten Duisburg und Essen geführt hat, zugunsten der Sozialpädagogik bzw. des Studenganges „Soziale Arbeit, Beratung und Management“.

Sozialpädagogen haben zwar weniger methodische Kenntnisse, aber dafür Kenntnisse in Recht, rudimentärer Betriebswirtschaft etc., die für die „pädagogische Frontarbeit“ mehr von Nutzen sind. Ich hätte fast gesagt, dass man die wissenschaftlich gesehen in die Tonne hauen kann, aber für die Wissenschaft ist dieser Studiengang auch gar nicht gedacht, sondern für eben genannte pädagogische Front. Darum werden fast nur noch SozPäds gesucht und eingestellt, da die Dipl-Päd aufgrund ihrer akademisch gesehen höheren Qualifikation einfach zu teuer sind…was bleibt aber nun für Diplomer?

In der Personalabteilung kann ich sie nicht gebrauchen, da sie von quantitativer Methodik zu wenig Ahnung haben und keine Korellationskoeffizienten berechnen können usw. da dies nicht Teil der Ausbildung ist, also nehm ich da doch lieber dipl. psych…
Als Sozialarbeiter kann ich die auch nicht gebrauchen, da sie zu theoretisch fundiert sind und ich sie nachbilden müsste…außerdem wollen sie zu viel Kohle…
In der Schulforschung kann ich sie nicht gebrauchen, da sie über keinerlei Kenntnis der inneren Strukturen von Schule oder von didaktischen Grundlagen verfügen und somit ihnen als teilnehmender Beobachter im Felde vieles verschlossen bleibt…
Im therapeutischen Bereich kann ich sie nicht einsetzen, ohne sie nachzuqualifizieren, da der Psycho-Bereich so um die 8 SWS nach letzter Studienordnung liegt und Diagnostik u.ä. nicht dazugehören…
Über die Korellation zwischen Persönlichkeitsstruktur und Studiengangswahl will ich micht jetzt nicht auslassen…

Letztendlich ist das aber nicht die Schuld der Diplomer, da diese ja genau das studiert haben, was ihre Studienordnung verlangte…können alles und nichts und können bei der aktuellen Arbeitsmarktlage nur noch suizidieren, promovieren (bei schwindender Stellenzahl an den Universitäten auch nicht wirklich eine Lösung) oder bei irgendeinem Bildungsträger für einen Hungerlohn Hartz-IVler in einer Maßnahme bespassen…einfach weil diese armen Schweine an gesellschaftlicher Marktrealität vorbeistudiert haben…

Letztendlich trifft das aber den Kern meiner generellen Kritik am Bildungssystem in Deutschland, da gerade das obere Ende immer noch einem humanistisch orientierten Bildungsideal nachhängt, in dem es nur um Wissen um des Wissens willen geht, bar jeder lebens- und berufspraktischen Handlungskompetenz, was letztendlich eine Ausrichtung ist, die in der gesellschaftlichen Realität des BWL-Basierten Arbeitsmarktes einfach weit an den Bedürfnissen des Marktes vorbei ist…oder etwas polemischer formuliert: Der Humanismus und die Breitenbildung sind lange tot, das haben alle verstanden, ausser den Erziehungswissenschaftlern und den Lehrern…und das ist ein Verbrechen an Schülern und Studenten, die für eine projektive Realität ausgebildet werden, die faktisch nicht mehr existiert…

Aber genug des Jammerns:

2. Deine Homepage und Deine Blogs zeigen sehr deutlich Deine Ausbildung…sie sind ein Rundumschlag in alle Richtungen (das allgemeine PaedBlog, das Naturpädagogikblog, Deine Homepage etc…), aber keinerlei Spezialisierung oder konkrete Ausrichtung…auf privater Ebene ist mir das gleich, ich haue hier in mein Blog auch alles rein, was mir gerade durch den Kopf geht, aber auf professioneller Eben verfolge ich doch eine klare Linie…diese ist bei Dir nicht zu erkennen…

3. Dies setzt sich in Deinen Artikeln fort…sie bleiben oberflächlich und wenig stringent theoretisch fundiert…In Deinem Essay über Schulzes Erlebnisgesellschaft beispielsweise wirfst Du Schulze vor, seine Grundannahme, die Knappheitsgesellschaft habe sich in eine Überflussgesellschaft gewandelt, nicht zu fundieren, belegst aber Deine Argumentationslinie an keiner Stelle, wie z.B. Deine Vermutung, die Schwächen in Schulzes Modell lägen in der Methodik der Erhebnung…Quellenangabe erhält genau 2 Print- und 2 Webquellen, dazu kein Kommentar ;-)
Ähnliches Zeigt sich -auch exemplarisch genannt- in Deinem Essay zur Fragestellung „Brauchen Kinder Märchen?“…scharf Formuliert: Mit Deinen Konjunktiven würdest Du bei mir exakt eine Seminarsitzung überleben, nach der ich Dich rausbombe und Dir ein Theologiestudium oder ähnlichen Unfug empfehlen würde… (z.B. „„Harry Potter“ wäre
beispielsweise angeblich genauso gut oder sogar noch besser als ein Märchen.“…das muss „Harry Potter SEI beispielsweise…“ heißen, verflucht! ;-) )…das darf in einem Text, der als wissenschaftlich deklariert ist, schlichtweg nicht passieren…
In der zitierten Literatur ist keinerlei theoretische Stringenz erkennbar…für eine Breite Darstellung ist es zu wenig, für einen knappen Abriss ist für mich nicht nachvollziehbar, was die Waldorfpädagogik neben dem Brockhaus als Quelle, einem dreißig Jahre alten Werk, dessen Status als „Standardwerk“ fragwürdig ist und Jean Piaget zu suchen hat -welcher auch hochgradig diskutabel ist-, wenn die Restliteratur neben einem Abriss der Rezeption des Märchenbegriffes im Wandel der Zeit sich auf sehr wenige Werke bezieht, die nicht als exemplarisch dargestellt, oder sonstwie in einen Kontext gesetzt werden…

4. Das erste, was ein Besucher im Moment auf Deinen Seiten sieht, ist eine akribische Darstellung Deiner Besucherzahlen….hmm…sicher, dass DAS die Form von Darstellung ist, die Du anstreben möchtest? Verkaufszahlen eines Werkes sagen nichts über seine Relevanz und Richtigkeit aus ;-) So viel zum Thema „Aussenwirkung“…

5. Letzendlich ist immer davon auszugehen, dass der Leser keine Form der formalen Bildung für das eigene Fachgebiet hat…in der uns umgebenden Gesellschaft ist „Pädagoge“ wie „Lehrer“ ja eher ein Schimpfwort, vor allem in der „Malocherkultur“ des Rurhgebietes…man kann diese Klischees spielerisch so erfüllen, wie ich es mit meinem „Lehrer sind eh alles Arschlöcher“-Blog mache, da ich davon ausgehe, das Klischees und Vorurteile im Sinne von z.B. Girard als „Das Opfer konstituiert die Gruppe“ völlig notwenig sind und man besser das Klischee annimmt und damit spielt, als sich darüber aufzuregen, oder das Klischee in einer Weise in objektiv seriöser Weise leben, wie ich es in Deinen Blogs meine wahrzunehmen…was letzlich die Vorurteile, die es gerade Diplomern so schwer machen, arbeitsmarkttechnisch wie gesellschaftlich, nur verhärtet….ein Satz, der mir einfiele, wenn ich nur als Essener Bergmannskind denke und nicht als EWler: „Etwas sehr viel Müsli drin, oder?“…das differenziere ich aber gerne weiter aus, sollte es wie ein Angriff klingen…oder knapper und weniger bissig: Weniger Idealismus, mehr Substanz…ich sehe uns in der Pflicht, nicht nur wahllos zusammenzutragen, sondern zu didaktisieren und kritisch zu hinterfragen…also nicht zu verlinken, sondern, soll der „echte“ pädagogische Anspruch eines Blogs -den ich nicht hege- gewahrt bleiben, der Masse „vorzukauen“ und auszuwählen…der allemeinen Meinung mit harten Fakten entgegenzuwirken…

Hier mach ich für heute Nacht erstmal Schluss..es ist weit nach 1 Uhr…
Ich bin auf die Gegendarstellung gespannt…

EDIT: Und natürlich sehe ich nach der Barrage der Polemik nach der Veröffentlichung des Eintrages einen Tippfehler direkt in der Überschrift….si tacuisses… ;)

cd

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Körperschmuck und Diagnosen…

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Gestern hatte ich ja einen Eintrag unter dem Titel „Augen tätowieren“ verfasst.
Vom Blogautor des Jackpot-Blogs bekam ich dann einen Kommentar, dem ich hier kurz einen eigenen Eintrag widmen möchte:

Der Kommentar bezieht sich auf die Möglichkeit einer „Diagnose“ bezüglich extremer Körperschmuckpraktiken:

_____
Das mit der Borderline war eigentlich nicht so ganz ernst gemeint. Wie man auch aus dem weiteren ersehen kann. Ich hab leider immer noch keine Zeit gefunden mir das ganze auf Patho ebene zu überlegen.

Bist du nicht auch der Meinung, dass eine Diagnose möglich währe?
Nicht, dass sie haltbar ist. Klar, anhand eines Bildes jemanden zu diagnostizieren disqualifiziert einem. (mich jedenfalls)

Hast du ne Idee was für eine Diagnose in die richtige Richtung ginge?
jackbrown
_____

Hmm…psychoanalytisch interessanter fände ich ja die Frage, warum Du das aufgeführte Phänomen unbedingt pathologisieren willst… ;-)
Aber ich will ernsthaft auf Deinen Kommentar antworten.

Ich halte das Gezeigte nicht für pathologisch, wie ich es in meinen Schulungsmaterialien ja auch schon geschrieben habe, aber spielen wir das trotzdem mal diagnostisch durch…

Zunächst mal muss man klären, ob man stur nach DSM- und/oder ICD-Kriterien diagnostizieren will, oder sich einen eigenen therapeutischen Ermessensspielraum schafft.
Starre Kriterien werden hier für eine Diagnose nicht viel helfen, denn SSV und SVV sind nie eigenständige Krankheit, sondern nur Symptom einer übergeordneten Störung. Somit habe ich bereits eine ganze Palette möglicher Störungen, die alle weiterer erfüllter Kriterien bedürfen, um eindeutig diagnostiziert zu werden. Das kann ich im Anamnesegespräch machen und mich auf meinen Bauch verlassen, oder per standardisiertem Test, wie z.B. dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI), welcher der bekannteste sein dürfte, und anderen standardisierten Verfahren.
Wenn ich mir dann nicht ganz sicher bin, suche ich mir die Diagnosen raus, die in Frage kämen und mache dann eine Differenzialdiagnose, indem ich bei den die Diagnose differenzierenden Symptomen nochmal genau nachhake, bis ich dann am Schluss mehr oder weniger eindeutig eine Diagnose stellen kann („mehr oder weniger eindeutig“, da die meisten Diagnosen ab einer gewissen Zahl an erfüllten Kriterien stellen darf, wobei nicht alle vorhanden sein müssen….)…hab ich am Schluss nicht raus, was es ist, nehme ich die Diagnose, die mir am besten gefällt und setze das Wort „atypisch“ davor ;-)

Dass Diagnosen erst im Nachhinein aufgrund des Anschlagens oder auch Nichtanschlagens von Medikation gestellt werden („Das passt mit Haldol, der is wohl doch schizo…“), ist übrigens ein böses Gerücht. Meist wird gewürfelt…
Etwas leichter hast Du es, wenn Du an einer klinischen Studie teilnimmst, dann bekommst Du die Diagnose, die unsere Ergebnisse signifikant macht… ;-)

Kurzgefasst: Das ICD ist hauptsächlich dazu da, um die Krankenkasse glücklich zu machen, weil die einen F-Schlüssel braucht, bevor die zahlt ;-)

Sehe ich Body-Modification durch reine Klinikeraugen, stelle ich zunächst ein gestörtes Körperverhältnis fest. Der Patient empfindet seinen Körper entweder nicht schön genug und möchte ihn „verbessern“, oder er hat sich mit seiner subjektiven Hässlichkeit abgefunden und möchte sie unterstreichen. Das ist meist Symptom einer übergeordneten Ichschwäche. Spontan fallen mir da die narzisstische Persönlichkeitsstörung ein (die es heute so als Diagnose eigentlich nicht mehr gibt…), schizoaffektive Psychosen, Borderline usw..
Andererseits kann auch das reine Körperverhältnis in Ordnung sein, aber der Patient emfpindet sich als „in der Masse untergehend“ und möchte durch die Optik herausstechen. Dieses Problem finden wir bei vielen Menschen, das ist das alte Problem der Nichtintegrierbarkeit von Individualität und Gesellschaft…also gleichzeitig Individuum und einer von tausenden zu sein, an die man sich anpassen muss, weil einen die Gesellschaft sonst ausgrenzt…die Optik bietet da einen guten Kompromiss, da ich meine Verhaltensweisen dann im gesellschaftskonformen Rahmen belassen kann…
Das ganze wären dann einen Blick in Richtung sozialer Ängste und Sozialstörungen bis hin zur antisozialen Persönlichkeit wert…je nachdem ob die betreffende Person sich eben nur abheben, aber trotzdem integrieren, oder eben völlig zum Rest der Gesellschaft abgrenzen würde..

Diese ganze Geschichte schaukelt sich dann immer weiter hoch, denn hat sich die Gesellschaft und das Umfeld erstmal an eine Sache gewöhnt, muss das Individuum einen Tacken Auffälligkeit drauflegen, um noch herauszustechen…in einer Gesellschaft, in der Piercings keinen mehr interessieren, weil sie zum Alltagsbild dazugehören, muss ich mir dann eben die Augäpfel blau tätowieren, um noch aufzufallen…insofern fast schon notwendiger logischer Schluss…

Außerdem relevant ist die Altersgruppe, in der dieses Phänomen auftritt. Gerade in der Individuationsphase des Jugendalters und der Früh- und Spätadoleszenz sieht man -auch subkulturabhängig- sehr viele dieser Praktiken, die für eben diese Altersgruppe fast schon typisch sind…für einen 20jährigen sind also bestimmte Verhaltensweisen normal, die für einen 50jährigen schon als pathologisch (oder in deren Rahmen wieder als normal, Stichwort: midlife-crisis) angesehen würden…es gibt kein „ich“ ohne ein „du“ und über Äußerlichkeiten und Kleidung kann man sich einer gewissen Gruppe als zugehörig zeigen, während man sich gegen eine andere (im Jugendalter die Erwachsenenwelt) abgrenzen kann…

Eine weitere Komponente dann schließlich ist die Sexualität. Manchen geht es nicht um das Intimpiercing an sich, sondern um das Gefühl, mit exponiertem Geschlechtsteil wehrlos vor einer Person des anderen Geschlechts zu liegen, die einem dann noch einen Metallgegenstand durch ebendieses stößt…es sind einige Fälle bekannt, in denen das Durchstoßen der Brustwarzen oder des Klitorisbereiches mit der Piercingnadel zu einem Orgasmus der gepiercten Dame führte…insofern sind also auch da die Ursachen auf ganz anderer Ebene zu suchen…
Andere berichten, dass sie während des Stechens einer Tätowierung absolutes Glücksgefühl empfänden (denkbar durch die Ausschüttung schmerzstillender Substanzen aufgrund der Stiche), was letztendlich zu einer regelrechten Sucht am Stechenlassen von Tattoos führt…

Wie Du siehst, ein sehr weites und nicht in ein einzelnes Diagnosekriterium zu pressendes Feld.
In Bezug auf Tattoos möchte ich da auf einen Band unserer Arbeitsgruppe an der Uni Essen verweisen [DAUERWERBESENDUNG ON]:

Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Eine Einführung in Jugendkulturen. Veganismus und Tatoos, Wiesbaden (VS-Verlag) 2005
Darin, neben dem Veganismusartikel von Thomas Schwarz lege ich Dir dann den Artikel von Tobias Lobstädt, „Tätowierung in der Nachmoderne“ ans Herz…

[DAUERWERBESENDUNG OFF]

Gehen wir aber nunmal weg von reinen klinischen Kriterien.

Mein Leitsatz war und ist immer: Solange Du niemandem wehtust, kannst Du so bekloppt sein, wie es Dir gefällt.

Etwas differenzierter:
In der modernen Psychiatrie und Psychotherapie rückt der Begriff des „Leidensdrucks“ immer mehr in den Vordergrund…also Dein eigenes Empfinden, ob es Dir schlecht geht, oder nicht.
Für mich ist relevant, ob de Person, die BM betreibt, diese als „Verbesserung“ empfindet. Das Bedürfnis, den eigenen Körper aus Selbsthass etc. zu zerstören würde ich als pathologisch und klinisch relevant (mit allen Konsequenzen…) ansehen. Wobei SVV durchaus eine positive Wirkung hat, das würde aber hier zu weit führen…
Steht also der Schmerz und/oder die Körperschädigung durch Nadeln, Metallringe, etc. nicht im Vordergrund, sondern wird in Blick auf das Endergebnis der Selbstverschönerung billigend in Kauf genommen, so ist dagegen überhaupt nichts zu sagen.
Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist dies mittlerweile Teil der sehr notwendigen -wenn auch für die Erwachsenenwelt schwer zu verstehenden- Individuation und muss immer relativ zur Peer und zum Gesellschaftsteil, in dem sie sich bewegen, gesehen werden.
Prägnanter gesagt: In einer Subkultur, in der alle gepierct und tätowiert sind, ist derjenige, der das nicht tut, der „kranke“ oder der „Außenseiter“ und sticht für mich heraus…stell Dir mal einen Typen in HipHop-Klamotten bei einem Metalcore-Konzert vor…;-)

Ist also der Mann in den Bildern, die Du in Deinem Blog zeigst, mit blauen Augäpfel (die ja nicht seine erste BM sind, wie man an seiner Stirn sieht…) glücklicher, weil es seinem Empfinden von Körperästhetik voll entspricht, ist das für mich völlig okay…genauso wie der, der durch seinen Prinz Albert den Geschlechtsverkehr als erfüllender empfindet oder derjenige, der sich erst als richtiger Schalke/BVB/RWE/welchervereinauchimmer-Fan empfindet, wenn er das Vereinsemblem auf dem Hintern oder sonstwo trägt…

Letzendlich entscheidet auch „die Gesellschaft“ über den Begriff „krank“, da „normal“ eben „normiertes Verhalten“, also das Verhalten des größten Populationsteiles meint…da spielt auch die „Sitte“ eine ebenso große Rolle…und die entscheidet auch über diese Begriffe…ansonsten kämen wir in massive Bedrängnis. Warum?
Nehmen wir das Ohrlochschiessen als Beispiel. Nehmen wir an, psychiatrische Kriterien hätten absolute Gültigkeit, unabhängig von gesellschaftlicher Realität:

Dann wäre ein Mensch, der sich ein Ohrloch für einen Ring schiessen lassen will akut krank. Er hat das Bedürfnis, dass ihm jemand anderes eine leichte Körperverletzung zufügt, um sich einen Ring durch einen Körperteil zu stecken. Allein die Äußerung dieses Wunsches würde eine Zwangseinweisung wegen akut selbstschädigenden Verhaltens nach sich ziehen. Dazu würde sich jeder Schmuckhändler, der dies praktiziert, der Körperverletzung strafbar machen, da diese auch auf Verlangen strafbar ist. Er dürfte auch kein Geld dafür nehmen, da dies dann juristisch gesehen sittenwidrig wäre. Sei es, weil Körperverletzung gegen Geld nicht legal sein kann, oder aufgrund der Tatsache, dass jemand, der um Körperverletzung bittet, offensichtlich krank und somit vermindert oder überhaupt nicht geschäftsfähig ist und somit den mündlichen Vertrag hierzu seitens des Juweliers gar nicht geschlossen werden kann …Und dieser Argumentation würde ja heute absolut niemand mehr folgen…für Piercings -welche zumindest in Ballungsräumen in den meisten Formen absolut gesellschaftsfähig sind- gälte das gleiche…

Fazit: Solange klar ist, dass die Leute sich etwaiger gesundheitlicher Konsequenzen und möglicher Komplikationen voll bewusst und objektiv weder formal denkgestört noch sonstwie in ihrem Denken und dem Erfassen dieser Konsequenzen eingeschränkt sind (also dies im Psychiatrischen Sinne „wollen“) und die BM durch einen entsprechend geschulten Fachmann unter OP-Bedingungen durchgeführt wird, können die sich meinetwegen auch die Sehnerven verlängern und die Augäpfel an die Schläfen tackern lassen, wenn sie es schön finden…

So, viel gesagt und hoffentlich nicht nur gelabert…und hoffentlich Deine Frage halbwegs befriedigend beantwortet…

cd

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Grundrecht auf Versehrtheit?

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Ok, dieser Sachverhalt ist ebenso logisch, wie irritierend.
Dass man bei der Präimplantationsdiagnostik Embryonen aussortiert, die genetisch fehlerhaft sind, ist nachvollziehbar. Auch die Tatsache, dass dies rechtlich untermauert ist. Interessant ist nur die Frage, was passiert, wenn Eltern bewusst auf ein Kind mit “Behinderung” bestehen? Ist es dann rechtens, den Embryo mit dem gewünschten Defekt zu implantieren?

Die britischen Behörden sehen sich nun mit exakt diesem Problem konfrontiert. Ein Ehepaar von zwei von Geburt an gehörlosen Briten besteht darauf, ein gehörloses Kind zu bekommen…für einen Philosophielehrer eine schöne Alternative zum klassischen Ethikunterricht…

Bioethik: Verbotene Gene – Wissenschaft – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten

cd

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