Beiträge mit tag "Diagnose

Auf allen Vieren durch die Anamnese

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In Doctors Blog stoße ich gerade auf ein höchst interessantes Angebot des New England Journal of Medicine: Stalking the Diagnosis
Dort kann man (auf Englisch) ein Spiel gegen virtuelle, aber menschliche Kollegen spielen. Die “Interactive Medical Cases”. Es wird ein Patient vorgestellt und man muss entsprechend handeln und Behandlungen anordnen. Wer also immer schonmal Dr. Hous spielen wollte, ohne dabei seine Station signifikant zu entvölkern, der kann sich hier austoben. Allgemeinmedizin ist zwar nicht mein Feld, aber ich werde versuchen, mit dem Karzinom der Patientin so lange über seine Mutter zu reden, bis es freiwillig suizidiert…

cd

Darth Vader hat Borderline

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Die schlimmsten Dinge auf der Welt passieren, wenn Wissenschaftler zu viel Zeit haben. Diese Aktion finde ich aber ziemlich stylish: Wie Nerdcore heute schreibt, hat Jeremy Hsu von LiveScience sich Krieg der Sterne noch einmal etwas genauer angesehen und eine Diagnose von Anakin Skywalker bzw. Darth Vader erstellt. Der Lord der dunklen Seite der Macht erfüllt die Diagnosekriterien für die Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM-IV…;-)

LiveScience: The Psychology of Darth Vader Revealed

cd

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Psychologie: Autismus und Asperger

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Durch einen call for bloggers auf der special-needs Webseite www.able2able.com habe ich vor kurzem einen englischen Artikel zum Thema “Autismus und Asperger” veröffentlicht. Für die, die des Englischen nicht mächtig sind, heute die deutsche Übersetzung:

Weil ich seit längerer Zeit keinen ernsthaften Artikel mehr verfasst habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen und einen solchen aus der psychologischen Perspektive, statt aus der Sicht eines Elternteils oder eines Betroffenen verfassen. Meine Ratschläge an Eltern, die vor kurzem die Diagnose für ihr Kind bekommen haben:

1. Vor allem: Stellen Sie sicher, dass die Diagnose wasserdicht ist! Trauen Sie keinen Vermutungen oder dem Bauchgefühl eines Allgemeinmediziners (das ist keine Abneigung gegen Generalisten, sondern lediglich das Credo, dass jede Diagnose von einem Spezialisten verifiziert werden sollte). Wie für jede andere Störung definiert das “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Revision IV (DSM-IV)” der American Psychiatric Association zusammen mit der “International Classification of Diseases, Revision 10 (ICD-10)” genaue Diagnosekriterien für Autismus und Asperger und es gibt eine Reihe standardisierter Tests, die von qualifizierten Psychiatern (am besten ein Kinderpsychiater), klinischen Psychologen und (psychologischen) Psychotherapeuten, zusammen mit neurologischen Diagnoseverfahren durchgeführt werden können, um die Diagnose zu bestätigen und das Ausmaß der Störung zu ermitteln. Die Dauer des Tests hängt vom individuellen Fall ab. Größere Kliniken bieten zur Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mutter-Kind-Zimmer oder Eltern-Kind-Zimmer an, sodass ein oder beide Elternteile während der Dauer des Aufenthaltes ständig bei ihrem Kind sein können.

2. Die Diagnose ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wenn die Diagnose von einem Experten bestätigt ist, müssten Sie über die Art der Störung (Autismus, Asperger) und das Ausmaß der Störung (z.B. auf der Autismus-Skala) sowie Therapiemöglichkeiten, die dazu dienen, die Fähigkeiten Ihres Kindes zu verbessen, aufgeklärt worden sein. Suchen Sie nicht nach “Normalität”, die es ohnehin niemals gibt, sondern streben Sie nach individueller Verbesserung, nach den individuellen Fähigkeiten ihres Kindes. Und behalten Sie im Hinterkopf, dass die Entwicklung eines Kindes sehr schwer vorauszusagen ist. Während in den meisten Fällen von Asperger ein hoher Grad an Funktionalität bezogen auf soziale Interaktion, Lernen und Erziehung, Berufsausbildung, Arbeitsleben etc. erreicht werden kann, werden schwerere Fälle aus dem Autismus-Spektrum ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein. So zynisch wie es auch klingt – Sie werden nicht ewig leben! Ziel sollte also nicht sein, so lange wie möglich für Ihr Kind da zu sein, sondern ihm von Anfang an zu helfen, ein innerhalb der Grenzen der Störung autonomes Leben zu führen.

3. Lernen Sie, auf der digitalen, statt der analogen Ebene zu kommunizieren. Der Unterschied zwischen analoger und digitaler Kommunikation ist eine Differenzierung des Psychologen Paul Watzlawick. Die digitale Kommunikation einer Aussage bezeichnet die Sachebene der Nachricht, während die analoge Kommunikation den Kontext, sowie Mimik, Tonfall und Körpersprache umfasst, also die Nachricht “zwischen den Zeilen”. Jede gesprochene Aussage kann man als sogenannten Sprechakt interpretieren, der sich in seiner Bedeutung vom semantisch Gesagten unterscheiden, oder ihm sogar entgegengesetzt sein kann. Sie können beispielsweise eine Person direkt bitten, das Fenster zu schließen oder die Heizung höher zu drehen, oder aber Sie sagen nur “Mir ist kalt!” Auf der digitalen Ebene ist diese Aussage eine reine Zustandsbeschreibung, während sie auf der analogen Ebene als Aufforderung, diesen Zustand zu ändern verstanden wird. Andere Sprechakte haben überhaupt keine digitale Bedeutung, sondern dienen rein als soziale Geste. Sie sagen beispielsweise als Gruß “Guten Morgen” oder “Guten Tag”, auch wenn es Sie überhaupt nicht interessiert, wie der Morgen oder der Tag des Anderen ist. Es ist ein reines soziales Ritual ohne echte Inhaltsebene.
Ein häufiges Symptom bei Autismus und Asperger ist der sogenannte “Literalismus”. Dieser beschreibt Schwierigkeiten oder totale Unfähigkeit, auf der analogen Ebene kommunizieren zu können und somit die Unfähigkeit, Sprechakte, die ihre Bedeutung durch soziokulturellen Kontext bekommen, zu verstehen. Ein Mensch mit Autismus oder Asperger wird eine Aussage fast immer wörtlich nehmen, somit zielt ein großer Teil der Therapie auf das Vermitteln der tieferen Bedeutung bestimmter Aussagen, um die sozialen Kompetenzen des Patienten zu verbessern. Das gleiche gilt für Körpersprache und Mimik. Autisten und Asperger-Patienten haben teils große Schwierigkeiten, Gesichtsausdrücke zu deuten und ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet werden immer begrenzt bleiben. Während Menschen ohne Autismus oder Asperger diese Dinge im Sozialisationsprozess durch mimetische Prozesse verinnerlicht haben, müssen Kinder mit Autismus oder Asperger Dinge, die für uns “normal” oder “sozial akzeptables Verhalten” sind, durch Erklärung erlernen. Dieses Symptom ist eines der schwierigeren, da Defizite auf der analogen Ebene oft als “Unerzogenheit”, Unhöflichkeit oder gar als Feindseligkeit interpretiert werden, vor allem von Kindern. Daher:

4. Behalten Sie die Beherrschung! Wenn Ihr Kind unerwünschte Reaktionen zeigt, liegt dies meist daran, dass es Ihre Nachricht nicht verstanden hat. Nicht auf ein “guten Morgen” zu reagieren ist keine Unhöflichkeit oder Feindseligkeit – das Kind mit Autismus oder Asperger versteht schlichtweg nicht, warum es auf eine bloße Zustandsbeschreibung, wie Sie Ihren Morgen finden, reagieren soll. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind auf nonverbale Signale oder Gesichtsausdrücke entsprechend reagiert. Sagen Sie lieber “das macht mich ärgerlich”, anstatt nur ein verärgertes Gesicht aufzusetzen. Stellen Sie direkt formulierte Fragen (“Wie geht es Dir?” statt “guten Morgen”). Verwenden Sie keinen Sarkasmus, keine Ironie und keinen Zynismus. Diese Stilmittel stellen ein autistisches oder Asperger-Kind vor eine unlösbare Aufgabe. Verstehen Sie Kommunikationsverweigerung nicht als Ablehnung! Je nach Schweregrad der Störung möchte Ihr Kind vielleicht überhaupt nicht mit ihnen kommunizieren, möchte von Ihnen nicht berührt werden oder möchte nicht einmal, dass Sie in seiner Nähe sind. Akzeptieren Sie das ohne sich abgelehnt zu fühlen. Einem autistischen Kind ist die analoge Bedeutung einer solchen Geste schlichtweg nicht bewusst.

5. Nichts erzwingen! Eine verbreitete Therapiemethode für autistische Kinder war früher die Festhaltetherapie nach Dr. Jirina Prekop. Die Grundidee hinter der “haltenden Umarmung” war, dass man Kinder an physischen Kontakt gewöhnen konnte, hielt man sie so lange (gezwungen!) fest, bis sie aufhörten, sich zu wehren. Diese Methode wird heutzutage (außer von einigen Hardlinern der Prekop’schen Lehre) nicht mehr angewendet, da sich das Verständnis des Autismus grundlegend verändert hat. Die aktuellen Modelle gehen davon aus, dass diese Form der Therapie den Kindern mitnichten beibringt, physischen Kontakt zu “mögen”, sondern nur, ihn zu ertragen und wird deshalb als unethisch betrachtet. In Deutschland hat es bereits einige erfolgreiche Klagen gegen Erzieher und Therapeuten gegeben, die diese Methode noch anwenden. Es gibt Patienten, die physischen Kontakt nach einer Weile tolerieren, während andere dies niemals erlauben. Es gibt keine wirkliche Methode, dies zu ändern und die Toleranz variiert von Fall zu Fall.
Akzeptieren Sie, dass Autisten und Asperger-Patienten in einem hohen Maße in ihrer eigenen Welt leben. Es gibt keine Möglichkeit, sie dort heraus zu zerren. Die einzige Möglichkeit ist, ihr Vertauen soweit zu gewinnen, dass sie zulassen, Sie in ihre zu lassen. Und es ist ihre Entscheidung, welchen Stellenwert Sie in ihrer Welt haben. Wie ich bereits sagte: Nehmen Sie dies nicht als Affront oder Ablehnung- das ist die Art, wie ein Autist seine Welt interpretiert.

6. Es wird sich nicht “rauswachsen”. Bestimmte Persönlichkeitsstörungen haben, wie beispielsweise einige Formen der Borderline-Persönlichkeitsstörungen, die Tendenz, mit zunehmendem Alter “auszubrennen”. Dies trifft aber nicht auf Störungen aus dem Autismus-Spektrum und Asperger zu. Es gibt Raum für Verbesserungen, aber abhängig vom Schweregrad der Störung werden bestimmte Symptome mehr oder weniger so bleiben wie sie sind. “Hochfunktionale” Autisten und Asperger-Patienten können zu einem hohen Grad erlernen, sich in die Gesellschaft einzufügen, aber auch dies ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt keine regelrechte “Heilung”, da Autismus und Asperger Störungen sind, keine “Krankheiten”.

7. Halten Sie sich fern von klinischer Literatur und der Wikipedia! Einer der häuftigsten Effekte, die wir bei Laien beobachtet haben, wenn sie mit klinischer Literatur und anderen mehr oder weniger zuverlässigen Quellen konfrontiert werden, ist, dass Laien durchaus die statistische Information aus diesen Quellen zusammen mit den Prognosen verstehen können, aber haben (aus Mangel an klinischer Erfahrung) keine Referenz, wie wahrscheinlich die Dinge eintreten werden, über die sie gelesen haben. Normalerweise führt klinische Literatur ohne einschlägige Vorbildung eher zu mehr Unsicherheit als Sicherheit. Statistische Daten, die Sie nicht vollständig interpretieren können, werden Ihnen ehrer Angst machen, als Ihnen zu helfen. Wenn Sie Fragen zu Ihrem Kind haben, stellen Sie sie einem Fachmann, der diese dann anhand der individuellen Struktur Ihres Kindes beantworten wird. Ich werde Ihnen hier keine Zahlen oder Tabellen an die Hand geben, denn in der klinischen Realität hat alles eine Wahrscheinlichkeit von 50% – es trifft entweder zu, oder eben nicht. Prozentzahlen über die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind Symptom X oder Y entwickeln wird werden Ihnen nicht helfen, denn entweder hat Ihr Kind Symptom X oder Y, oder nicht…
Eine andere “Nebenwirkung” klinischer Literatur, die auch bei Studenten und oft bei ausgewachsenen Klinikern zu beobachten ist, ist das Problem der Projektion. Wenn Sie von Symptom X lesen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dieses Symptom auch an Ihrem Kind entdecken werden – nicht weil es wirklich da ist, sondern weil das Lesen Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Detail gelenkt hat…der alte Spruch lautet da: Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus…
Die bessere Herangehensweise ist: Beobachten Sie und wenn Sie etwas “komisch” finden, DANN fragen Sie nach…lernen Sie keine Seiten aus dem ICD oder DSM auswendig…Sie werden doch nur Gespenster sehen…

Ok, so viel im Moment zu diesem Thema..ich hoffe, einige Dinge sind hilfreich.

cd

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Lena Meyer-Landrut und Diagnosen

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Vielgescholten beharre ich trotzdem auf meiner These der Ente im Status Epilepticus…auf Ecstasy natürlich…die Laute, die sie dabei absondert könnten allerdings, nach kollegialem Konsil auch andere Ursachen haben: “erinnert mich schwer an Patienten durch die man mal eben 300 Joule mit dem Defibrillator gejagt hat
Frau Dr. Josephine kommt dafür direkt in die Blogroll…

Dass Lenas Musik in Überdosierung zum Tode führen kann, bestätigt der Intensivling. Für Nichtmediziner: Ein AV-Block ist etwas, was Ihr nicht haben wollt und eine Extrasystole ist, wenn Euer Herz den Takt so hält wie Lena…zu viele Synkopen…;-)

EDIT 10.06.10: Der Intensivling hat sein Blog leider aus persönlichen und beruflichen Gründen aufgegeben.

cd

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TagebuchBosse1

Tagung Arbeitsgemeinschaft Lerntherapeuten Georgsmarienhütte 25.09.09

1. Daten zur Freud-Biographie, Vortrag Prof. em Dr. Wilfried Breyvogel – Sigmund Freud und die Strukturtheorie der Psyche

2. Strukturtheorie des Selbst, Christian Droßmann – Einführung Fall “Sonja”, Narzissmus, Sigmund Freud, Heinz Kohut, Stavros Mentzos, die narzisstische Wut, Erklärung am Beispiel einer Unterrichtsszene

3. Fruehe Auffaelligkeiten, Christian Droßmann – Der Fall Sonja – Frühkindliche Auffälligkeiten am Beispiel der Grundschulzeugnisse. Suchtverhalten, Selbstverletzung, Einweisung, Klinikaufenthalt -Erste Erklärungen im Modell der Strukturtheorie des Selbst (DAS INTERVIEWMATERIAL WURDE ZUM SCHUTZ DER ANONYMITÄT DES FALLES ENTFERNT!)

4. Frau Koma kommt – Amok, Christian Droßmann – Männliche narzisstische Wut am Beispiel der neueren “Amok”-Fälle. Tim Ketschmer (Winnenden), Bastian Bosse (Emsdetten), Georg R. (Ansbach)

5. Diagnose – Borderline, Christian Droßmann – Diagnose: Borderline, Das DSM-IV, Das ICD-10GM, Die Borderline-Persönlichkeitsstörung(en) nach Otto F. Kernberg, Erläuterungen am Fallmaterial (FALLMATERIAL WURDE ZUM SCHUTZ DER ANONYMITÄT DES FALLES ENTFERNT)

6. Geschlechtsidentitaet – Sex und Gender, Christian Droßmann – Geschlechtsidentität und Geschlechtsdiffusion, Biologisches Geschlecht (Sex) vs. soziales Geschlecht (gender), John Money, Der Fall David Reimer

7. Fazit-Zusammenfassung, Prof. em. Dr. Wilfried Breyvogel, Christian Droßmann – Fazit und Zusammenfassung, Rückgriff auf Kretschmer und Bosse, Was bringt die Narzissmustheorie den Lerntherapeuten? Der pädagogische Bezug nach Herman Nohl

Weiterführendes Material:

Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium: Der vollständige Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium zum Fall Robert Steinhäuser in Erfurt

Das Abschiedsvideo des Täters von Emsdetten, Bastian Bosse (Flash-Format, flv), alternativ auch auf Google Video

Der Abschiedsbrief des Täters von Emsdetten, Bastian Bosse

Das gesicherte Blog des Täters von Emsdetten, Bastian Bosse (ResistantX) auf livejournal.com

Auszüge aus dem Tagebuch des Täters von Emsdetten, Bastian Bosse:
Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7

Bericht Expertenkreis Amok Baden Württemberg,  Abschlussbericht des Expertenkreises Amok des Landes Baden Württemberg vom 25.09.2009, Original unter http://www.baden-wuerttemberg.de/fm7/2028/BERICHT_Expertenkreis_Amok_25-09-09.pdf

Das Material zum Fall “Sonja” ist mittlerweile publiziert:

Droßmann, Christian: Genese einer Borderline-Persönlichkeit – Die Folgen früher Ablehnungserfahrungen am Beispiel Sonja, in: Breyvogel, Wilfried: Wie aus Kindern Risikoschüler werden. Fallstudien zu den Ursachen von Bildungsarmut, Frankfurt a.M. (Brandes & Apsel) 2010

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Nachtrag zu: Drogen, Amok, Paranoia

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Folgende Sache ist mir gerade erst aufgefallen…
Derselbe Blogger, der im genannten „Antidepressiva und Amokläufe“-Blog die Pharmaindustrie als gewissenlose, geldgierige Abzocker darstellt, verlinkt am Ende des gleichen Beitrages zum „Zentrum der Gesundheit“ und dem dortigen Eintrag „Amoklauf unter Psychopharmaka-Einfluss?“

Auf ebendieser Seite wird man sofort von einem Foto der Inhaberin und dem Verweis auf eine 0180-er Hotline begrüßt…im Webshop erhält man diverse naturheilkundliche Pillen und Pülverchen (z.B. 500g Sango Koralle zum Preis von € 94,00, ein Darmreinigungsset für € 134,00, die 6-Wochen-Haarausfall-Kur für € 137,00 usw…), alles mit dem Warnhinweis: „Diese Informationen sind keinesfalls als Diagnose- oder Therapieanweisungen zu verstehen. Wir übernehmen keine Haftung für Schäden irgendeiner Art, die direkt oder indirekt aus der Verwendung der Angaben entstehen. Bei Verdacht auf Erkrankungen konsultieren Sie bitte Ihren Arzt oder Heilpraktiker.“

Dazu kann man dort eine Ausbildung zum „Fachberater für holistische Gesundheit“ zum Preis von € 3.350,00 machen, in vier Blöcken von netto 3 Tagen in einem Wellnesshotel…aus der Homepage wird so nicht direkt ersichtlich, dass es sich um keinerlei Therapieausbildung handelt und man danach keinesfalls die Heilkunde ausüben darf…(darum heißt das Kind „Fachberater“)…denn die HPG-Prüfung beim Gesundheitsamt ist da sicher nicht mit drin ;-)

Die Sache strotzt also summasumarum nur so vor Selbstlosigkeit und günstiger Hilfe für alle…

Irgendwie überzeugt auch dieses Argument des Bloggers gegen die bösen Psychopharmaka nicht wirklich ;-)

cd

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Katholizismus als Diagnose?

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Hmm…soll es mich nun bedenklich stimmen, dass ich seit meinen letzten Blogeinträgen zum Thema „Amoklauf der katholischen Kirche“ in meinen Logs eine Vervierfachung der Hits sehe und diese auf Suchanfragen wie z.B. „Borderline Katholizismus“ zu beruhen scheinen?

Radio EriWaHN sagt hierzu:

Im Prinzip ja, doch ist das vorliegende Verhalten von Papst und seinen Anhängern eher einem anderen diagnostischen Feld zuzuordnen…ich sehe dort Anteile von Paranoia, Gedankenkontrolle und vor allem Größenwahn…die Erhebungsphase dauert noch an, aber ich bin mir immer sicherer, dass Katholizismus eine gesellschaftlich tolerierte Form der schizoiden Paranoia ist ;-)

cd

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Körperschmuck und Diagnosen…

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Gestern hatte ich ja einen Eintrag unter dem Titel „Augen tätowieren“ verfasst.
Vom Blogautor des Jackpot-Blogs bekam ich dann einen Kommentar, dem ich hier kurz einen eigenen Eintrag widmen möchte:

Der Kommentar bezieht sich auf die Möglichkeit einer „Diagnose“ bezüglich extremer Körperschmuckpraktiken:

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Das mit der Borderline war eigentlich nicht so ganz ernst gemeint. Wie man auch aus dem weiteren ersehen kann. Ich hab leider immer noch keine Zeit gefunden mir das ganze auf Patho ebene zu überlegen.

Bist du nicht auch der Meinung, dass eine Diagnose möglich währe?
Nicht, dass sie haltbar ist. Klar, anhand eines Bildes jemanden zu diagnostizieren disqualifiziert einem. (mich jedenfalls)

Hast du ne Idee was für eine Diagnose in die richtige Richtung ginge?
jackbrown
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Hmm…psychoanalytisch interessanter fände ich ja die Frage, warum Du das aufgeführte Phänomen unbedingt pathologisieren willst… ;-)
Aber ich will ernsthaft auf Deinen Kommentar antworten.

Ich halte das Gezeigte nicht für pathologisch, wie ich es in meinen Schulungsmaterialien ja auch schon geschrieben habe, aber spielen wir das trotzdem mal diagnostisch durch…

Zunächst mal muss man klären, ob man stur nach DSM- und/oder ICD-Kriterien diagnostizieren will, oder sich einen eigenen therapeutischen Ermessensspielraum schafft.
Starre Kriterien werden hier für eine Diagnose nicht viel helfen, denn SSV und SVV sind nie eigenständige Krankheit, sondern nur Symptom einer übergeordneten Störung. Somit habe ich bereits eine ganze Palette möglicher Störungen, die alle weiterer erfüllter Kriterien bedürfen, um eindeutig diagnostiziert zu werden. Das kann ich im Anamnesegespräch machen und mich auf meinen Bauch verlassen, oder per standardisiertem Test, wie z.B. dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI), welcher der bekannteste sein dürfte, und anderen standardisierten Verfahren.
Wenn ich mir dann nicht ganz sicher bin, suche ich mir die Diagnosen raus, die in Frage kämen und mache dann eine Differenzialdiagnose, indem ich bei den die Diagnose differenzierenden Symptomen nochmal genau nachhake, bis ich dann am Schluss mehr oder weniger eindeutig eine Diagnose stellen kann („mehr oder weniger eindeutig“, da die meisten Diagnosen ab einer gewissen Zahl an erfüllten Kriterien stellen darf, wobei nicht alle vorhanden sein müssen….)…hab ich am Schluss nicht raus, was es ist, nehme ich die Diagnose, die mir am besten gefällt und setze das Wort „atypisch“ davor ;-)

Dass Diagnosen erst im Nachhinein aufgrund des Anschlagens oder auch Nichtanschlagens von Medikation gestellt werden („Das passt mit Haldol, der is wohl doch schizo…“), ist übrigens ein böses Gerücht. Meist wird gewürfelt…
Etwas leichter hast Du es, wenn Du an einer klinischen Studie teilnimmst, dann bekommst Du die Diagnose, die unsere Ergebnisse signifikant macht… ;-)

Kurzgefasst: Das ICD ist hauptsächlich dazu da, um die Krankenkasse glücklich zu machen, weil die einen F-Schlüssel braucht, bevor die zahlt ;-)

Sehe ich Body-Modification durch reine Klinikeraugen, stelle ich zunächst ein gestörtes Körperverhältnis fest. Der Patient empfindet seinen Körper entweder nicht schön genug und möchte ihn „verbessern“, oder er hat sich mit seiner subjektiven Hässlichkeit abgefunden und möchte sie unterstreichen. Das ist meist Symptom einer übergeordneten Ichschwäche. Spontan fallen mir da die narzisstische Persönlichkeitsstörung ein (die es heute so als Diagnose eigentlich nicht mehr gibt…), schizoaffektive Psychosen, Borderline usw..
Andererseits kann auch das reine Körperverhältnis in Ordnung sein, aber der Patient emfpindet sich als „in der Masse untergehend“ und möchte durch die Optik herausstechen. Dieses Problem finden wir bei vielen Menschen, das ist das alte Problem der Nichtintegrierbarkeit von Individualität und Gesellschaft…also gleichzeitig Individuum und einer von tausenden zu sein, an die man sich anpassen muss, weil einen die Gesellschaft sonst ausgrenzt…die Optik bietet da einen guten Kompromiss, da ich meine Verhaltensweisen dann im gesellschaftskonformen Rahmen belassen kann…
Das ganze wären dann einen Blick in Richtung sozialer Ängste und Sozialstörungen bis hin zur antisozialen Persönlichkeit wert…je nachdem ob die betreffende Person sich eben nur abheben, aber trotzdem integrieren, oder eben völlig zum Rest der Gesellschaft abgrenzen würde..

Diese ganze Geschichte schaukelt sich dann immer weiter hoch, denn hat sich die Gesellschaft und das Umfeld erstmal an eine Sache gewöhnt, muss das Individuum einen Tacken Auffälligkeit drauflegen, um noch herauszustechen…in einer Gesellschaft, in der Piercings keinen mehr interessieren, weil sie zum Alltagsbild dazugehören, muss ich mir dann eben die Augäpfel blau tätowieren, um noch aufzufallen…insofern fast schon notwendiger logischer Schluss…

Außerdem relevant ist die Altersgruppe, in der dieses Phänomen auftritt. Gerade in der Individuationsphase des Jugendalters und der Früh- und Spätadoleszenz sieht man -auch subkulturabhängig- sehr viele dieser Praktiken, die für eben diese Altersgruppe fast schon typisch sind…für einen 20jährigen sind also bestimmte Verhaltensweisen normal, die für einen 50jährigen schon als pathologisch (oder in deren Rahmen wieder als normal, Stichwort: midlife-crisis) angesehen würden…es gibt kein „ich“ ohne ein „du“ und über Äußerlichkeiten und Kleidung kann man sich einer gewissen Gruppe als zugehörig zeigen, während man sich gegen eine andere (im Jugendalter die Erwachsenenwelt) abgrenzen kann…

Eine weitere Komponente dann schließlich ist die Sexualität. Manchen geht es nicht um das Intimpiercing an sich, sondern um das Gefühl, mit exponiertem Geschlechtsteil wehrlos vor einer Person des anderen Geschlechts zu liegen, die einem dann noch einen Metallgegenstand durch ebendieses stößt…es sind einige Fälle bekannt, in denen das Durchstoßen der Brustwarzen oder des Klitorisbereiches mit der Piercingnadel zu einem Orgasmus der gepiercten Dame führte…insofern sind also auch da die Ursachen auf ganz anderer Ebene zu suchen…
Andere berichten, dass sie während des Stechens einer Tätowierung absolutes Glücksgefühl empfänden (denkbar durch die Ausschüttung schmerzstillender Substanzen aufgrund der Stiche), was letztendlich zu einer regelrechten Sucht am Stechenlassen von Tattoos führt…

Wie Du siehst, ein sehr weites und nicht in ein einzelnes Diagnosekriterium zu pressendes Feld.
In Bezug auf Tattoos möchte ich da auf einen Band unserer Arbeitsgruppe an der Uni Essen verweisen [DAUERWERBESENDUNG ON]:

Wilfried Breyvogel (Hrsg.): Eine Einführung in Jugendkulturen. Veganismus und Tatoos, Wiesbaden (VS-Verlag) 2005
Darin, neben dem Veganismusartikel von Thomas Schwarz lege ich Dir dann den Artikel von Tobias Lobstädt, „Tätowierung in der Nachmoderne“ ans Herz…

[DAUERWERBESENDUNG OFF]

Gehen wir aber nunmal weg von reinen klinischen Kriterien.

Mein Leitsatz war und ist immer: Solange Du niemandem wehtust, kannst Du so bekloppt sein, wie es Dir gefällt.

Etwas differenzierter:
In der modernen Psychiatrie und Psychotherapie rückt der Begriff des „Leidensdrucks“ immer mehr in den Vordergrund…also Dein eigenes Empfinden, ob es Dir schlecht geht, oder nicht.
Für mich ist relevant, ob de Person, die BM betreibt, diese als „Verbesserung“ empfindet. Das Bedürfnis, den eigenen Körper aus Selbsthass etc. zu zerstören würde ich als pathologisch und klinisch relevant (mit allen Konsequenzen…) ansehen. Wobei SVV durchaus eine positive Wirkung hat, das würde aber hier zu weit führen…
Steht also der Schmerz und/oder die Körperschädigung durch Nadeln, Metallringe, etc. nicht im Vordergrund, sondern wird in Blick auf das Endergebnis der Selbstverschönerung billigend in Kauf genommen, so ist dagegen überhaupt nichts zu sagen.
Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist dies mittlerweile Teil der sehr notwendigen -wenn auch für die Erwachsenenwelt schwer zu verstehenden- Individuation und muss immer relativ zur Peer und zum Gesellschaftsteil, in dem sie sich bewegen, gesehen werden.
Prägnanter gesagt: In einer Subkultur, in der alle gepierct und tätowiert sind, ist derjenige, der das nicht tut, der „kranke“ oder der „Außenseiter“ und sticht für mich heraus…stell Dir mal einen Typen in HipHop-Klamotten bei einem Metalcore-Konzert vor…;-)

Ist also der Mann in den Bildern, die Du in Deinem Blog zeigst, mit blauen Augäpfel (die ja nicht seine erste BM sind, wie man an seiner Stirn sieht…) glücklicher, weil es seinem Empfinden von Körperästhetik voll entspricht, ist das für mich völlig okay…genauso wie der, der durch seinen Prinz Albert den Geschlechtsverkehr als erfüllender empfindet oder derjenige, der sich erst als richtiger Schalke/BVB/RWE/welchervereinauchimmer-Fan empfindet, wenn er das Vereinsemblem auf dem Hintern oder sonstwo trägt…

Letzendlich entscheidet auch „die Gesellschaft“ über den Begriff „krank“, da „normal“ eben „normiertes Verhalten“, also das Verhalten des größten Populationsteiles meint…da spielt auch die „Sitte“ eine ebenso große Rolle…und die entscheidet auch über diese Begriffe…ansonsten kämen wir in massive Bedrängnis. Warum?
Nehmen wir das Ohrlochschiessen als Beispiel. Nehmen wir an, psychiatrische Kriterien hätten absolute Gültigkeit, unabhängig von gesellschaftlicher Realität:

Dann wäre ein Mensch, der sich ein Ohrloch für einen Ring schiessen lassen will akut krank. Er hat das Bedürfnis, dass ihm jemand anderes eine leichte Körperverletzung zufügt, um sich einen Ring durch einen Körperteil zu stecken. Allein die Äußerung dieses Wunsches würde eine Zwangseinweisung wegen akut selbstschädigenden Verhaltens nach sich ziehen. Dazu würde sich jeder Schmuckhändler, der dies praktiziert, der Körperverletzung strafbar machen, da diese auch auf Verlangen strafbar ist. Er dürfte auch kein Geld dafür nehmen, da dies dann juristisch gesehen sittenwidrig wäre. Sei es, weil Körperverletzung gegen Geld nicht legal sein kann, oder aufgrund der Tatsache, dass jemand, der um Körperverletzung bittet, offensichtlich krank und somit vermindert oder überhaupt nicht geschäftsfähig ist und somit den mündlichen Vertrag hierzu seitens des Juweliers gar nicht geschlossen werden kann …Und dieser Argumentation würde ja heute absolut niemand mehr folgen…für Piercings -welche zumindest in Ballungsräumen in den meisten Formen absolut gesellschaftsfähig sind- gälte das gleiche…

Fazit: Solange klar ist, dass die Leute sich etwaiger gesundheitlicher Konsequenzen und möglicher Komplikationen voll bewusst und objektiv weder formal denkgestört noch sonstwie in ihrem Denken und dem Erfassen dieser Konsequenzen eingeschränkt sind (also dies im Psychiatrischen Sinne „wollen“) und die BM durch einen entsprechend geschulten Fachmann unter OP-Bedingungen durchgeführt wird, können die sich meinetwegen auch die Sehnerven verlängern und die Augäpfel an die Schläfen tackern lassen, wenn sie es schön finden…

So, viel gesagt und hoffentlich nicht nur gelabert…und hoffentlich Deine Frage halbwegs befriedigend beantwortet…

cd

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