Die Pharmaindustrie – Von Lobbyismus und Drittmitteln
Es scheint mir, dass das Sommerloch dieses Jahr recht früh dran ist. Das Deutsche Ärzteblatt veröffentlichte im April eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass von der Pharmaindustrie finanzierte Studien für das eigene Produkt positiver ausfallen, als neutrale Untersuchungen. Die Firmen hätten “die Evidenz verbogen, bis sie für das Marketing tauglich war“. Ach wirklich…mein Gott, wer hätte das gedacht…das Thema wurde natürlich von der FAZ aufgegriffen und von diversen Blogs. z.B. bei “Stationäre Aufnahme” oder bei “LobbyControl“. Lustig wird es bei letzterem bei den Kommentaren. Der erste Kommentar sagt direkt: “Behandlung mit Psychopharmaka führt in die Arbeitsunfähigkeit und in den Misserfolg, trotzdem werden diese Medikamente auch gegen den Willen von Betroffenen weiterhin verabreicht.” Hat zwar mit dem Thema nichts zu tun, aber Hauptsache wieder Stimmung gegen die bösen Psychopharmaka machen…dass dies angeblich so wenig Gehör finde, liegt für mich weniger an einer großen Pharmaverschwörung als mehr an der Tatsache, dass das Thema einerseits einfach so was von durch ist, andererseits an der üblichen Naivität, andere Medikamente wären harmloser…auch Naturheilmittel können einen durch eine Bleivergiftung killen, da muss man kein bleihaltiges Antidepressivum genommen haben…
Ganz ehrlich…wie naiv sind selbst gebildete Menschen geworden, dass diese Sache mehr als eine Randnotiz in den Zeitungen bekommt? Das ist doch für jeden, der mal im Wissenschaftsbetrieb gearbeitet hat, eiskalter Kaffee…da die Universitäten und andere Institutionen chronisch unterfinanziert sind, muss man natürlich Kunden anwerben. Und produziert man die Ergebnisse, die der Kunde haben möchte, kommt der (zahlende!) Kunde wieder…an den Unis läuft das ähnlich…dank des neuen Hochschulrahmengesetzes, das die Studiengebühren festzementiert hat, bekommt ein Professor nun von den internen Mitteln relativ so viel, wie er Drittmittel eingeworben hat…gewinne ich Wyeth oder Roche als zufriedenen Kunden, bin ich Drittmittelkönig und bekomme entsprechende Boni…das System hat man bereits als HiWi verstanden…es ist also nicht die böse, böse Pharmaindustrie (schon der Name sollte deutlich machen, dass es dort nicht um humanitäre Hilfe, sondern schlichtweg um Gewinn geht), sondern das Finanzierungssystem der deutschen Hochschulen…hinge meine Existenz als Fachbereich nicht mehr davon ab, wieviel Geld ich von draußen bekomme, dann könte ich auch objektive Studien erzeugen und auf gut Deutsch drauf scheißen, ob große Pharmakonzerne sich brüskiert fühlen, weil ich evidenzbasiert belegt habe, dass ihr neues Medikament mehr Patienten killt als heilt…aber unter den aktuellen Umständen baut man halt einen meterdicken Beipackzettel, in dem steht, dass man die Pillen nur auf der Intensivstation neben einem Defibrillator einnehmen sollte und der Hersteller ansonsten keine Haftung übernimmt…
Was fehlt, ist das Umdenken in der Bevölkerung, dass selbst eine Kopfschmerztablette mich innerhalb von Minuten killen kann…also weniger Angst vor Psychodrogen und mehr Respekt vor jeglicher Art von Chemikalien, die ich meinem Körper extern zufüge…und eine gute Portion Ignoranz, denn in den meisten Fällen kann man als Patient sowieso nichts tun außer Schlucken und Augen zu…
cd
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