Qualitätscontent – Shakespeare’s Sonette aus einem anderen Blickwinkel
Einerseits ziehe ich den Hut und verneige mich tief vor der Bildung von Thomas Rau vom Lehrerzimmer, andererseits stachelt mich das doch zum Versuch an, auch einmal Qualitätscontent zu produzieren. Das wäre aber nicht die ganze Welt des Wahnsinns hier, wenn ich nicht doch den Spagat zwischen Hochkultur und Irrsinn versuchen würde. Darum heute also eine alternative Interpretationsweise von Shakespeare’s Sonetten, die so garantiert nur selten im Englisch-LK vorkommt. Entwickelt hat diese alternative Sichtweise Prof. Dr. Frank Erik Pointner von der Universität Duisburg-Essen. Er habilitierte sich zu dem Thema “Bawdy and Soul. A Revaluation of Shakespeare’s Sonnets“. (240 Euro für ein gebrauchtes Exemplar ist ein Hammer…ich hab es damals noch mit Hörerschein bekommen
) Wer die Chance hat, ihn live zu diesem oder anderen Thema zu hören, sollte die Gelegenheit nutzen. Eine satte Mischung zwischen Genialität und Comedy…vor allem, wenn er zum Jahresende die Gitarre auspackt und die Studierenden eine phonetisch korrekte schottische Version von “Auld lang syne” (altes langes Schild) singen lässt
Zentrales Element von Pointners Argumentation ist die Tatsache, dass bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts heterosexuelle Lesarten der Beziehung zur “Dark Lady” in den Sonetten als die korrekte Lesart angesehen wurden, ging es aber um die Beziehungen zum “Young Boy” bzw. “Fair Youth”, so wollte plötzlich niemand mehr etwas von sexueller Konnotation diverser Begriffe wissen, da Shakespeare ja definitiv nicht schwul gewesen sein kann (kommt schon, er trug Strumpfhosen und hat Gedichte geschrieben, was ihn so heterosexuell wie Neil Patrick Harris erscheinen lässt) und schon gar nicht über homoerotische Themen geschrieben haben kann.
Pointner verfolgt nun den Grundsatz der einheitlichen Erklärung und folgert so notwendig, dass eine sexuelle Konnotation eines Begriffes in Sonett X, die gleiche Bedeutung auch im Sonett Y hat, ganz gleich, ob es dann in einem homoerotischen Kontext steht. Sehen wir uns dafür zunächst Sonett 80 einmal an (Pointner bezieht sich auf die originale Quarto-Ausgabe von 1609, ich nutze die von G. Blakemore Evans, die er mir damals empfahl. Alle Angaben beziehen sich also auf diese):
O how I faint when I of you do write,
Knowing a better spirit doth use your name,
And in the praise thereof spends all his might,
To make me tongue-tied speaking of your fame.
But since your worth (wide as the ocean is)
The humble as the proudest sail doth bear,
My saucy bark (inferior far to his)
On your broad main doth willfully appear.
Your shallowest help will hold me up afloat,
Whilst he upon your soundless deep doth ride,
Or (being wracked) I am a worthless boat,
He of tall building and of goodly pride.
Then if he thrive and I be cast away,
The worst was this: my love was my decay.
Schnell wird klar, dass nautische Metaphern sexuell konnotiert sind. Wann immer Shakespeare also von Seefahrt spricht, meint er Poppen. Die Frau, die er hier beschreibt, bezeichnet er in Sonett 137 als “the bay where all men ride” (Z. 6). Eine Bucht, wo alle Männer fahren…die Alte nahm es mit der Monogamie also nicht so genau…
Insofern erschließen sich also nun auch die anderen Metaphern, die auf “ihn” (den “Rival Poet”) bezogen sind. Das lyrische Ich (das natürlich keinesfalls Shakespeare selbst ist…keine Ahnung warum…aber ich habe es so erzählen müssen, um den Schein zu bekommen….) berichtet uns, der andere Kerl ist also “groß gebaut” und potent (pride, will, etc. sind als sexuelle Potenz konnotiert), während es selbst nur eine kleine Barke mit bescheidenem Segel hat, die der seinen “weit unterlegen” ist…die taucht aber trotzdem willig an ihrer Breitseite auf, da die geringste Hilfe der Dame ausreicht, um sie am Schwimmen zu halten (oder auch: hochzubekommen..). Alleine dieses Sonett ist immer ein Brüller im LK. In Sonett 144 heißt es außerdem “The better angel is a man right fair, the worser spirit a woman coloured ill.” Häßlich ist die Alte also auch noch…(vgl. Pointner 2003, S. 83) Schauen wir uns aber in diesem Kontext einmal das Sonett 20 an, das Pointner als zentralen Dreh- und Angelpunkt der “schwul oder nicht schwul, das ist hier die Frage”-Debatte nennt:
A woman’s face with Natures own hand painted
Hast thou, the master-mistress of my passion;
A woman’s gentle heart, but not acquainted
With shifting change, as is false women’s fashion;
An eye more bright than theirs, less false in rolling,
Gilding the object whereupon it gazeth;
A man in hue, all hues in his controlling,
Which steals men’s eyes and women’s souls amazeth.
And for a woman wert thou first created,
Till Nature as she wrought thee fell a-doting,
And by addition me of thee defeated,
By adding one thing to my purpose nothing.
But since she pricked thee out for women’s pleasure,
Mine be thy love, and thy love’s use their treasure.
Oha, was haben wir denn da? Ohne den gesamten Witz und die Logik Pointners Argumentation ganz vorwegzunehmen, nur ein paar Fragmente:
Der Junge ist also so hübsch, dass ihn nur Mutter Natur persönlich gezimmert haben kann und ist eben die “master-mistress”, die das lyrische Ich begehrt (sehr schöne Ambiguität in dem Begriff). Was das eine Ding ist, das die Natur hinzugefügt hat und für die das lyrische Ich keine Verwendung findet, können wir uns nun denken. Trotzdem scheint es erwähnenswert genug, dass es auftaucht. Nur mit dem Englischen sehr Vertraute wissen aber, dass in der damaligen Zeit andere Ausspracheregeln galten als heute und sich einige Wortbedeutungen ganz massiv geändert haben. Der Witz der Zeile ist: Was sich für uns, die wir modernes Englisch gelernt haben, nicht reimt (a-doting – nothing), reimte sich damals in der Tat. Phonetisch war es nämlich “a-doting – noting” ohne das charakteristische “th”…und dann hat der Poet das Ding, das die Natur dem jungen Manne gegeben hat, sehr wohl bemerkt…und zwar für seinen Zweck (seine Bedürfnisse). Wir erinnern uns: Zu Shakespeare’s Zeiten hätte ein offenes Outing sein gesellschaftliches Ende und eventuell auch seinen Tod durch Hinrichtung wegen Sodomie bedeutet. Nimmt man also tatsächlich homoerotische Tendenzen an, so stellt man fest, dass er den Zeilen auch immer eine direkte, “saubere” Alibilesart gegeben hat, also die Lesart, die wir heutzutage in der Schule lehren (müssen…).
Aber es geht noch weiter: Die nächste Zweideutigeit finden wir in dem Wort “acquainted”. Weiss man, dass “quaint” die altenglische Form von “cunt” (=Fotze, Muschi, etc.) ist, bekommt die Zeile zusammen mit der nächsten, in der man das “as” genau wie “ass” spricht, eine völlig neue und sehr schwule Bedeutung. Pointner macht es durch geänderte Interpunktion und Ersetzen der Wörter klar:
A woman’s genle heart – but not equipped with a cunt -
With shifting change. Ass is false women’s fashion!
Knapp erklärt: Er hat zwar das sanfte Herz einer Frau, aber -wie Monty Python es formulierten – er hat keine Mumu. Aber mit “shifting change” macht man es eben in der Art “falscher Frauen”, nämlich in den “ass”….und am Schluss folgt auch noch der Gruß an die Rivalinnen: Da die Natur ihn ja zur Freude der Frauen erschaffen hat, ist das Lyrische Ich derjenige, der ihn lieben darf, während seine (des Jungen) andere Liebchen eben an ihrer Schatzkiste spielen müssen…
So, nun lest die Sonette nochmal…Shakespeare wird nie wieder derselbe für Euch sein…
cd
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Shakespeare und die Jungs: Immer wieder ein schönes Thema!
Zum Dank für diesen lesenswerten Artikel lasse ich neben Wünschen für ein schönes Wochenende mein Lieblingssonett da: