Ok, die Tat am Carolinum in Ansbach ist nun einen Tag her, schon kommen die Patentrezepte. Bereits im Kontext von Erfurt, Winnenden etc. wurde der Ruf nach mehr Schulpsychologen und Sozialarbeitern an Schulen immer lauter.
Der STERN titelt heute beispielsweise “Polizeigewerkschaft zum Amoklauf: Deutschlands Schulen sind nicht sicher!” und finanznachrichten.de berichtet unter Berufung auf die Rheinische Post gar, die NRW Schulministerin Barbara Sommer wolle “nach Amoklauf 1000 neue Schulpsychologen”.

In den Jahren in der Schulforschung habe ich dazu recht einschläigige Erfahrungen gemacht und halte bis heute die Annahme, Schulpsychologen und Sozialarbeiter an Schulen könnten Amokläufe verhindern, für nicht haltbar. Gleichzeitig denke ich auch, wird eine flächendeckende Ausstattung aus finanziellen Gründen nie passieren.
Warum funktioniert das ganze nicht? Ein paar Erfahrungen dazu:

1. Schulpsychologen und Sozialarbeiter, die direkt vor Ort ein Büro haben sind automatisch mit dem System Schule assoziiert. Generell schuloppositionelle Schüler werden diese nicht freiwillig, sondern nur unter Zwang aufsuchen. Psychologen und Sozialarbeiter können zwar schweigen, aber nicht zu jedem Sachverhalt. In strafrechtlich relevanten Dingen müssen sie die Schulleitung informieren, die dann entscheidet, ob die Sache an die Polizei geht. Das ist den Schülern bekannt, also werden sie die in diesem Kontext wirklich interessanten Dinge nicht erzählen, selbst die Fünftklässler haben den Bogen der Desinformation recht gut raus und wissen auch um ihre Strafunmündigkeit.

2. Dieser Umstand führt dazu, dass man letztendlich als Strafinstanz endet. Ich habe an einer Schule die Supervisionsgruppe eines Betreuungsteams geleitet und in dem Rahmen versucht, ein Counsellingkonzept zu etablieren, dessen Grundsatz die Freiwilligkeit seitens der Schüler ist.
Am ersten Tag des Versuchs, ich bin noch gar nicht in meinem Büro, höre ich bereits über die Schulsprechanlage (die in allen Klassenräumen zu hören war!) nur, wie die Schulleitung einen Schüler namentlich ausruft und ihm befiehlt, sofort in mein Büro zu gehen….so viel zum Thema Freiwilligkeit…
Der örtliche Sozialarbeiter war nur die halbe Woche vor Ort, eine volle Stelle wäre nicht finanziert worden…somit war ich sofort die Anlaufstelle für alle zu sanktionierenden Schüler…Privatgespräche? Vertrauensaufbau? Nix…ich war sofort der “zweite Sozialprediger”…nach zwei Monaten gab ich den Versuch auf…vor Ort ist ein echtes Vertrauensverhältnis nicht zu etablieren…das Kollegium war ohnehin skeptisch, statt eines Sozialarbeiters sollte lieber noch eine weitere Lehrkraft angestellt werden und ich als “Anwalt der Schüler” sei ohnehin überflüssig…nunja…
Unnötig zu erwähnen, dass Schulen oberhalb der Hauptschule größtenteils statt Prä- oder Intervention die deutlich einfachere Entsorgungspolitik fahren…”Sowas kann man über die Note regeln.”…

3. “Amokläufer” sind tendenziell sehr lange unauffällig…Steinhäuser, Kretschmer, Georg R. – sie alle werden als ruhig und mehr oder weniger isoliert beschrieben. Solche Schüler fallen im Regelbetrieb nicht auf…zu den Sozialarbeitern und ins Schulleiterbüro werden die geschickt, die durch Stören, Gewalt und andere “laute” Dinge auffällig werden…an Schulen mit einem höheren Anteil so auffälliger Schüler, gerade in den von uns beobachteten “sozialen Brennpunkten” sind Lehrer und Sozialarbeiter froh, wenn ein Schüler einfach nur ruhig ist. In einer Unterrichtsstunde von 45 Minuten, in der man über die Hälfte der Zeit mit dem Disziplinieren der Schüler beschäftigt ist, ist dies auch nicht zu leisten…ich kenne ja beide Seiten..
Isoliert sich ein Schüler, ist das halt so…hauptsache er macht keinen Ärger und kommt halbwegs regelmäßig zum Unterricht, schreibt seine Arbeiten und bekommt irgendwann seinen Abschluss…vertrauen sich diese Schüler nicht freiwillig einem Sozialarbeiter oder Schulpsychologen an, kennt man sie oft nicht einmal…es sitzen ja noch über 30 andere in der Klasse..

4. Eltern sind nahezu grundsätzlich für auffälliges Verhalten ihrer Kinder völlig blind…die Kinder waren ja schliesslich “schon immer so” und auch den Eltern ist ein Kind, das kaum redet und lieber still in seinem Zimmer ist, eigentlich ganz recht, vor allem, wenn beide berufstätig sind…spricht man die Eltern auf soetwas an, hört man nur, man habe “keine Ahnung” oder “wir kennen unseren Sohn besser als sie” oder “Reden Sie uns nicht in unsere Erziehung rein…”..faktisch ist es eigentlich so, dass man die Eltern, die man eigentlich nicht sehen will, permanent bei sich sitzen hat und man sich nur wünscht, sie würden das Mädchen oder den Jungen mit ihren Leistungsansprüchen mal fünf Minuten in Ruhe lassen…und die Eltern, die man dringend zu einem Gespräch bittet, kommen entweder nicht oder zeigen ebendieses Verhalten…der schönste Satz in dieser Zeit: “Hätte die Schule nur solche Schüler wie unsere Tochter, dann hätte die Schule keine Probleme.”
Solange die Eltern immer am besten wissen, was gut für ihr Kind ist, ist man da chancenlos…baut man Druck auf, ist man sowieso böse und die Eltern unterstützen das Kind noch in seiner schuloppositionellen Haltung…
Greift man dann an den Eltern vorbei ein, sollte man auf richtig festem Boden stehen…der vermutete Drogenkonsum eines Jungen, der ständig träge und lustlos war, stellte sich erst nach dem Gespräch über Drogentests als Symptom eines Herzfehlers heraus…ups…war ein Heidenspass…
Danach überlegt man sich zweimal, ob man sich nochmals derart in die Nesseln setzen möchte.

5. Je höher das Ansehen einer Schule, desto geringer die Bereitschaft, einen Sozialarbeiter oder Schulpsychologen anzustellen. Es ist schlichtweg falsch, dass das nicht ginge..man verliert halt nur eine Lehrerstelle dafür oder hat einen Kollegen mit Zusatzqualifikation, dem man für die schulpsychologische Arbeit Stunden anrechnen muss, die dieser nicht im Unterricht steht..
Je elitärer jedoch das Gymnasium, umso mehr heißt es “das brauchen wir hier nicht”…die Angst ist zu groß, dass man durch die Anwesenheit eines Sozialarbeiters nach aussen hin zeigt, man würde auch einen brauchen. Über das Ansehen von Sozialpädagogen in höheren Gesellschaftsschichten (sorry, das heisst ja jetzt “Milieu”..oder doch “Kaste” ?) muss ich mich denke ich nicht auslassen…und wirklich auffällige Schüler schmeisst man von der Schule…Problem gelöst..

6. Alles was ausserhalb des Unterrichts passiert, fällt auch nur in den wenigsten Fällen auf…wird ein Schüler auf dem Schulweg und/oder in der Freizeit gemobbt, verprügelt, abgezogen, ausgegrenzt etc. merkt man als Lehrer davon nichts in einer Masse von mehreren hundert Schülern…vertrauen diese Kinder aus Scham oder Angst sich weder Eltern noch Lehrern an, haben auch diese keine Chance…Sozialarbeiter helfen dagegen nicht, da die fraglichen Schüler wie oben erwähnt, deren Einflussbereich sehr genau kennen..erst wenn Verletzungen auftreten, wird reagiert, aber meist auch wieder abgewiegelt…

Das nur als kurzer Abriss…was also als Fazit bleibt ist:

1. Ist Schule negativ konnotiert, sind es auch ihre Angestellten…nicht reparieren, wenn es den Schülern schon schlecht geht, sondern an einer Aufwertung des Bildes von Schule arbeiten..mein Appell bleibt: Behandelt Eure Schüler so, dass sie Euch nicht erschiessen wollen…
Gerade an Gymnasien existiert in den Köpfen von Lehrern und Eltern ein nicht mehr zeitgemäßes Bild der absoluten Autorität, die aber an keiner Stelle durch Vorbildfunktion legitimiert wird..
An der Abgrenzung der Schichten untereinander wird aber keine Politik der Welt etwas ändern können…

2. Bessere Ausbildung für die Primarstufe…heutige GrundschullehrerInnen besitzen wenig bis gar keine diagnostische und andere psychologische Kompetenz, sind schon an der Uni bei Professoren und Studierenden als “Kindergärtnerinnen” unbeliebt, handlungspraktische Dinge werden nicht gelehrt, denn “dann können wir hier ja gleich eine PH draus machen” usw…aber nur in dieser Altersklasse ist noch pädagogisch und therapeutisch gegenzulenken…im Altersbereich der Sekundarstufen sind pathologische Muster bereits so eingefahren, dass von Prävention keine Rede mehr sein kann…
Die Bilanz unserer Studie war: Die Muster sind eingebrannt…mit viel Mühe und intensiver Betreuung kann kurzfristig Besserung erzielt werden, lässt man die Schüler dann jedoch wieder von der Leine, verfallen sie innerhalb kürzester Zeit wieder in die alten Strukturen…nichts ist so angenehm wie das Bekannte…die nötige Intensivbetreuung über lange Zeit ist nicht finanzier- und realisierbar..

Das ersmal mein Gedankenstrom dazu…mehr vielleicht später..

cd

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